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Archivalie – Juli 2020

Die „Bürgermeisterkrise"

Heute ist sie fast vergessen, aber vor hundert Jahren – im Juli 1920 – war sie das vorherrschende Gesprächsthema auf den Straßen Lingens: Die sogenannte „Bürgermeisterkrise“. In gewisser Weise begann alles schon mit den ersten Stadtratswahlen nach dem Ersten Weltkrieg im März 1919.

Eigentlich sollten sich dort die einzelnen Parteien zur Wahl stellen. Doch die bürgerlichen Parteien – das katholische Zentrum, die nationalliberal-protestantische DVP und die DDP-nahe Liste Tesch – befürchteten eine Mehrheit der Arbeiterschaft und drängten auf einen Zusammenschluss sämtlicher Parteien zu einer nach konfessionellen und ständischen Gesichtpunkten aufgestellten Einheitsliste. Das Mehrparteienprinzip wäre damit ausgehebelt worden.

Doch der Plan scheiterte – wenig überraschend – am Widerstand der SPD. Letztlich verfehlte die SPD die absolute Mehrheit genauso wie das Zentrum, das damit auf die Unterstützung der DVP und der Liste Tesch angewiesen war. Der Einfluss der Arbeiter war also gebannt, solange sich das bürgerliche Lager nicht spalten ließ. Doch im September 1919 passierte genau das.

Bürgermeister Meyer galt als amtsmüde, trat von seinem Amt zurück und nahm seine frühere Tätigkeit als Rechtsanwalt wieder auf. Am 6. September trat der Stadtrat zusammen, um seinen Nachfolger zu bestimmen. Das Zentrum favorisierte den Katholiken und späteren DNVP-Kandidaten Kerckhoff. DVP und DDP aber schlugen sich auf die Seite der SPD und unterstützten den Lutheraner Erich Kühne. Denkbar knapp wurde Kühne mit 12 Stimmen, 11 Gegenstimmen und einer Enthaltung tatsächlich zum Bürgermeister gewählt. Die Ausgrenzung der SPD ist damit an der Konfessionsfrage gescheitert.

Über Dr. Erich Kühne ist wenig bekannt. Nicht einmal ein Foto existiert. Er wurde am 18. Mai 1878 in Varel geboren und hatte zuletzt das Bürgermeisteramt in Barth bekleidet. Er war verheiratet und hatte einen zweijährigen Sohn. Dass er in Lingen keinen leichten Stand haben würde, dürfte er geahnt haben. Bei seiner Amtseinführung am 28. Oktober versprach er dann auch „strengste parteilose Sachlichkeit ohne Ansehung der Person“. Geholfen hat es ihm nicht.

Im April 1920 fuhr Kühne die erste große Schlappe ein. Es ging um die Frage, ob bei vertraulichen Sitzungen des Stadtrats die Presse anwesend sein dürfe. Der Magistrat – bestehend aus Bürgermeister Kühne und den Senatoren Gilles (Zentrum), Müscher (Zentrum), Koke (DVP), Gelshorn (DHP) und Meyer (SPD) – lehnte das ab, doch der Rat stimmte mit 13 zu 9 Stimmen dafür. Daraufhin erklärte auch der Magistrat seine Zustimmung. Damit hatte sich der Magistrat mehrheitlich gegen seinen eigenen Bürgermeister durchgesetzt. Kühne ließ das nicht auf sich beruhen, setzte das Thema erneut auf die Tagesordnung der nächsten Ratsversammlung und kassierte eine erneute Niederlage. Doch es wurde noch schlimmer.

Ein Thema, das Kühne während seiner gesamten kurzen Amtszeit beschäftigte, war die öffentliche Stromversorgung. Wegen allgemeinen Gasmangels suchte die Stadt händeringend nach einem Weg, die Stromversorgung aller Bürger sicherzustellen. Die Zeit drängte, denn der Winter nahte. Nachdem eine Möglichkeit nach der anderen ausgeschlossen worden war, schlug Bürgermeister Kühne im Juni 1919 die Anschaffung eines Sauggasmotors vor. Ihm lag bereits ein Angebot vor, das aber in Tagesfrist verfallen würde. Senator Gilles beantragte daraufhin eine Vertagung der Entscheidung. Sein Antrag wurde angenommen. Der Vorschlag war damit vom Tisch und der Bürgermeister ein weiteres Mal düpiert.

Dass Bürgermeister Kühne weder den Magistrat noch eine Ratsmehrheit hinter sich hatte, war in der Lingener Bevölkerung längst kein Geheimnis mehr. Das Ende kam dann aber doch etwas überraschend. Am 17. Juli 1920 trat Kühne, beraten von seinem Anwalt Viëtor und mit Zustimmung von Magistrat und Stadtrat, in vertraulicher Sitzung von seinem Amt zurück. Er erhielt dafür eine Abfindungssumme von 40.000 Mark. Die sozialdemokratische Fraktion hatte sich vor der Abstimmung entfernt.

Für die Arbeiterschaft war die Meldung ein schwerer Schlag. Am Abend desselben Tages fand eine öffentliche Volksversammlung auf der Wilhelmshöhe statt. Dazu hatte der Ortsausschuss der freien Gewerkschaften bereits zwei Tage zuvor eingeladen. Ratsmitglieder und Senatoren sollten hier über die „Machenschaften gegen den jetzigen Bürgermeister“ Rede und Antwort stehen. Doch nur die Sozialdemokraten kamen. Die bürgerlichen Parteien boykottierten die Veranstaltung. Stattdessen hielt das Zentrum am 19. Juli eine Gegenveranstaltung für die eigene Wählerschaft im Gesellenhaus ab.

In den dort wild geführten und in der Lokalpresse fortgesetzten Diskussionen unterschied Ratsherr Heinze (SPD) drei verschiedene Interessengruppen. Da war zum einen das Zentrum, das „alle Lappalien mühsam zu einem Scheiterhaufen zusammengetragen“ hätte, um „hierauf den Bürgermeister zu opfern“. Dann die anderen bürgerlichen Parteien, die den Standpunkt vertraten, dass es im Sinne einer „gedeihlichen Weiterarbeit“ wäre, wenn der Bürgermeister gehe. Und schließlich die Sozialdemokraten, die fanden, dass „alle vorgebrachten angeblichen Verfehlungen des Bürgermeisters“ letzlich „nicht so schwerwiegend“ seien.

Ein wesentlicher Vorwurf gegen Kühne lautete, er habe Berichte an die Regierung zu spät abgeschickt und sei deswegen zu Ordnungsstrafen verurteilt worden. Debattiert wurde aber auch über das „völlig unerträgliche Verhältnis zwischen dem Herrn Bürgermeister und einzelnen Abteilungsvorstehern“. Andere attestierten Kühne eine „arbeiterfreundliche Politik“ und sprachen von einer „Provokation der Arbeiterschaft“.

Wie auch immer. Das Amt des Bürgermeisters war nun vakant und musste neu besetzt werden. Am 22. Juli wählte der Stadtrat den vom Magistrat vorgeschlagenen Senator Gilles zum kommissarischen Bürgermeister. Im Juli 1921 übernahm Gilles das Amt regulär. Kühne nahm andernorts kein Bürgermeisteramt mehr an und verarmte.

Jahre später versuchte er, die Stadt auf Armenschein zur Zahlung einer Pension zu verklagen. Doch da die Klage aussichtslos schien, hat das Landgericht Osnabrück ihm den Armenschein verweigert. Ohne Armenschein konnte sich Kühne die Klage nicht leisten. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Bürgermeister, der zweifellos wenig geschickt agierte, dessen größte Schwäche aber offenbar darin bestand, nicht katholisch zu sein. Kein Bürgermeister der jüngeren Geschichte Lingens hatte eine so kurze Amtszeit zu verbuchen wie er.

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 300, Nr. 524 sowie Nr. 2212.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
  • Stadtarchiv Lingen, Karteisammlung, Nr. 10.
  • Stadtarchiv Lingen, Lingener Volksbote und Lingensches Wochenblatt.
  • Catenhusen, Wolf-Michael: Parteien und Wahlen in Lingen 1871-1933, in: Ehbrecht, Wilfried (Hg.): Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, Lingen (Ems) 1975, S. 214-249.
  • Vocks, Benno: Bürgermeister in Lingen von 1863 bis 1933, in: Kivelingszeitung 1996, S. 89-107.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv Lingen, Stadtarchiv Lingen, Stadtarchiv Lingen