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Archivalie - Oktober 2026

Helga Hanauer
Helga Hanauer
Helga Hanauers erster Leserbrief, erschienen am 22. Mai 1975 in der Lingener Tagespost
Helga Hanauers zweiter Leserbrief, erschienen am 27. Juni 1975 in der Lingener Tagespost

Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit begann in Lingen mit einem Leserbrief. Anlässlich des anstehenden Stadtjubiläums hatte die Stadt Mitte Mai 1975 an alle Haushalte eine 114-seitige Festschrift verschickt, die neben dem Festprogramm auch einen umfangreichen stadtgeschichtlichen Abriss enthielt. Der Leserbrief, nach anfänglichem Zögern der Redaktion erschienen am 22. Mai in der Lingener Tagespost, kritisierte, dass diese Festschrift das Schicksal der jüdischen Gemeinde mit keinem Wort erwähnte. „Sollte es wirklich so sein, daß die Stadtväter Lingens nicht wissen, daß hier seit ca. 250 Jahren jüdische Menschen ansässig waren und mit zum Gepräge der Stadt beigetragen haben? Ist es nur Unkenntnis, daß in der Festschrift zur Tausendjahrfeier mit keinem Wort das Schicksal der einst so lebendigen jüdischen Gemeinschaft in Lingen erwähnt wird? (…) Es stimmt so schmerzlich, daß die Stadt Lingen in den dreißig Jahren nach dem Niedergang des Dritten Reiches noch keine Geste des Bedauerns über das auch in dieser Stadt Geschehene gefunden hat.“

Die Autorin des Leserbriefs war Helga Hanauer. Geboren wurde sie am 3. Februar 1940 in Enschede. Ihr Vater Gustav Hanauer war wenige Wochen vor der Pogromnacht von Lingen in die Niederlande geflohen, wo er ihre Mutter Theresa Groenheim geheiratet hatte. Drei Monate nach ihrer Geburt wurden die Niederlande von Deutschland überfallen. So verbrachte sie die ersten Jahre ihres Lebens zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Carla versteckt im Deldener Krankenhaus. Gustav Hanauer war der einzige Lingener Schoa-Überlebende, der 1950 nach Lingen zurückkehrte und sich – nicht ohne Auseinandersetzungen mit der Stadtverwaltung – um einen wirtschaftlichen Neuanfang bemühte. 1955 zogen seine beiden Töchter nach, Carla aber emigrierte 1967 in die USA, Gustav starb 1972. So war Helga Hanauer 1975 die letzte noch in Lingen lebende Jüdin.

Schon zuvor hatte sie ihre Kritik telefonisch dem Lingener Stadtdirektor Karl-Heinz Vehring mitgeteilt, der erwiderte, dass die Festschrift nicht mehr geändert werden und das Thema auch im Rahmen der Festaktes nicht angesprochen werden könne. Eine Antwort auf den Leserbrief erfolgte nicht. Auf der Ratssitzung vom 19. Juni kritisch darauf angesprochen, sagte Vehring, die Festschrift sei durchaus nicht lückenlos, und in der Kürze der Zeit sei „das eine oder andere vergessen worden“. Der Beigeordnete Pokall erklärte, es bestehe „kein Anlaß dazu, diese Zeit zu verschweigen, weil man sich mit ihr nicht identifiziere“, und der Beigeordnete Schmidt räumte ein, dass auch bei dem inzwischen vorgestellten Buch „Lingen 975-1975“ „vielleicht die jüngsten Jahre dabei zu kurz gekommen seien. Aber das werde sicher nachgeholt.“ Das wurde es 2025 tatsächlich.

Am 27. Juni schrieb Helga Hanauer einen zweiten Leserbrief. Sie warnte vor „einer Geschichtsverfälschung und Verdrängung, die nur unser aller Schaden sein kann“. „Wäre hier ein Gedenkstein an der Stelle der ehem. Lingener Synagoge nicht angebracht?“ Der Entscheidung, das Thema nicht einmal in der Festrede mit einem Satz zu erwähnen, begegnete sie mit Unverständnis. „Bei diesem Geschichtsverständnis ist es auch nicht verwunderlich, daß er als Stadtdirektor nicht wußte, wo einst die Lingener Synagoge stand.“ Vehring antwortete gleich in der nächsten Ausgabe: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde sei in der Festschrift „versehentlich“ nicht erwähnt worden, zudem sei er kein gebürtiger Lingener. Allerdings sei man im Stadtrat einhellig der Meinung, „bei gegebenem Anlaß“ auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde einzugehen.

Die Jusos forderten daraufhin, eine Dokumentation über die Lingener Opfer des Faschismus zu erstellen (was nicht geschah), und am 15. Juli meinte ein Leserbriefschreiber: „Mit vagen Versprechungen ist es nicht getan“. Es wäre „keine Schande für die Stadt“ gewesen, wenn sie „die volle Wahrheit in ihrer Festschrift gedruckt hätte“, und so müsse man sich fragen, „ob nicht möglicherweise einige Lingener Bürger ‚geschont‘ werden sollen“. Ein anderer schrieb in einem Leserbrief vom 6. August: „Man vernichtete die jüdische Gemeinde, steckte die Synagoge in Brand, ermordete Antifaschisten (…) oder verschleppte konsequente Demokraten ins KZ. (…) Darüber aber hüllt die ‚graue Eminenz‘ Lingens einen Schleier des tiefen Schweigens. Davon weiß sie angeblich nichts.“ Alle „Demokraten und Antifaschisten“ hätten die Pflicht, „wachsam zu sein und faschistische Provokationen nicht zuzulassen.“

Es gab aber auch ganz andere Stimmen. Einer  meinte, „daß es noch verfrüht ist, die derzeitigen Vorgänge, in denen Haß, Intoleranz, Grausamkeit und nicht zuletzt auch Gedankenlosigkeit durch die nationalsozialistische Bewegung an die Oberfläche gespült wurden, einigermaßen wahrheitsgetreu darzustellen. Ein solches Vorhaben sollte man frühestens in 15 Jahren ins Werk setzen“. In Lingen hätten doch bestimmt „nur wenige Lingener Bürger (…) kein Mitgefühl für ihre (…) bedrängten Mitbürger“ gehabt. Ein anderer kritisierte ein Geschichtsbild „im Mea-Culpa-Stil“, man solle sich mehr um die Zukunft als um „die so sehr ‚strapazierte unbewältigte Vergangenheit‘“ kümmern. Ein dritter sah insbesondere die deutschen Kriegstoten und Vertriebenen als Opfer. „Wenn wir also in Lingen schon einen Gedenkstein für die Opfer des Faschismus setzen sollen, dann aber ein Mahnmal für alle Opfer einer sinnlosen Politik – also auch für die Opfer des Bombenterrors und der Vertreibung inbegriffen. (…) Oder sollte dieser Gedenkstein nur ein ewiges Erinnerungsmal zur Zahlung nie endender Wiedergutmachungszahlungen (…) sein?“ Wunschdenken, Täter-Opfer-Umkehr und Relativierung der NS-Verbrechen – auch dreißig Jahre nach dem Ende des Krieges war die Bereitschaft, selbstkritisch die eigene Vergangenheit zu reflektieren, nur sehr begrenzt vorhanden.

Helga Hanauers Anregung, auf dem Synagogengrundstück einen Gedenkstein aufzustellen, scheiterte am Widerstand des Eigentümers, und der Vorschlag, den Gertrudenweg in Synagogenstraße zurückzubenennen, fand keine politische Mehrheit. So wurde 1977 auf einem städtischen Grundstück in der Nähe der einstigen Synagoge ein Gedenkstein aufgestellt. Erlebt hat Helga Hanauer das nicht mehr. Irgendwann zwischen dem 12. und dem 19. September 1976 nahm sie sich mit 36 Jahren das Leben – aus Liebeskummer, wie es heißt. Ihr Todestag jährt sich in diesen Tagen zum 50. Mal.

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Lingener Tagespost, Mai bis August 1975, 20.4.1996, 3.2.2020.
  • StadtA LIN, PSR, LIN St 1976, Nr. 373.
  • StadtA LIN, Ratsprotokoll vom 19.6.1975.
  • Hoffmann, Aloys/ Vehring, Karl-Heinz: Festschrift zur 1000-Jahr-Feier Stadt Lingen (Ems) 15. Mai bis 1. Juni 1975 mit vollständigem Programm, Lingen (Ems) 1975.
  • Marienschule Lingen (Hg.): Spuren der Geschichte in unserer Stadt Lingen (Ems). Denkmäler – Gedenktafeln – Straßennamen, Lingen 1988.
  • Pfeiffer, Nadine: Recht, Remigration, Rückkontakte und Erinnerung. Jüdische Agency im deutsch-jüdischen Verhältnis nach 1945 in Lingen (Masterarbeit) (StadtA LIN, Allgemeine Sammlung, Nr. 1295), Georgsmarienhütte 2023.
  • Prenger, Angela/ Wolski-Prenger, Friedhelm: Bernhard Grünberg. Allein in die Freiheit. Wie ein emsländischer Junge Hitler überlebte, Düsseldorf 2021.
  • Reeken, Dietmar von (Hg.): Lingen im Nationalsozialismus (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 3), Bielefeld 2025.
  • Vehring, Karl-Heinz: Jüdische Bürger nach dem 2. Weltkrieg in Lingen. Begegnungen und Veranstaltungen, Lingen 2020.
  • Vocks, Benno: Lingen wegweisend. 99 Straßen, Wege und Plätze. Porträts und Geschichte(n), Ahlen 2015.


Artikeldatum: 4. Oktober 2026
Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv Lingen, Stadtarchiv Lingen, Stadtarchiv Lingen