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Das Kriegsende in Hanekenfähr

Ein Papagei als Kriegsgefangener

Die Eltern von Gertrud Schievink (Jg. 1939) betrieben in zweiter Generation die Gaststätte „Zur schönen Aussicht“ in Hanekenfähr. Es war ein beliebtes Ausflugslokal an der Ems in der Nähe des Wasserfalls mit Blick auf die Eisenbahnbrücke. Eine besondere Attraktion in der Gastwirtschaft waren zwei Papageien. Ein Marinesoldat hatte sie schon vor dem Ersten Weltkrieg aus Columbien nach Wilhelmshaven mitgebracht und vor dort aus gelangten sie über Verwandte von Schievink schließlich in die Gaststätte in Hanekenfähr.
 
Eines der Tiere starb schon 1942, der andere Papagei wurde uralt und lebte noch bis 1958. Das gelehrige Tier unterhielt die Gäste mit Sprüchen wie „Guten Morgen Tante Trude“, „Papa ein Glas Bier“ oder „Lora will Zucker“. Am bekanntesten war Lora jedoch, weil dieser Papagei sogar den Anfang des „Deutschland-Liedes“ singen konnte.

Schon während des Krieges gab es in Hanekenfähr häufig Luftangriffe auf die Eisenbahnbrücke. Dabei gingen die Scheiben des Hauses immer wieder zu Bruch, das Haus an sich stand aber noch. Vater Heinrich Schievink war zum Kriegseinsatz bei der Marine in Wilhelmshaven.

Anfang April 1945 kam die Front näher. Von Westen her nahmen die Engländer Hanekenfähr unter Beschuss. Großvater Heinrich Schievink, der sich um die kleine Landwirtschaft kümmerte, brachte das Pferd zum Bauern Reckert und ließ die Kuh freilaufen. Er befürchtete, dass der Stall in Brand geschossen würde, was später auch tatsächlich passierte.

Als er von Recker zurückkam, lag das Haus schon voll in der Schusslinie. Der Saalanbau brannte bereits, der alte Mann hat das Feuer im Kugelhagel gelöscht. Die Familie flüchtete Hals über Kopf, den großen Käfig mit dem Papagei konnten sie dabei nicht mitnehmen. Das Tier blieb allein in der Gaststätte zurück. Zunächst fanden Schievink Unterschlupf in einer Bahnwärterbude und später in dem alten Haus der Wasserbauverwaltung an der Kanaleinfahrt.

Nach ein paar Tagen schauten Schieving bei ihrem Haus nach dem Rechten. Das Gebäude war total zerschossen, die Räume verwüstet. Nur die Mauern standen noch. Der Papagei war verschwunden – man glaubte, er läge irgendwo unter den Trümmern.

Im Sommer 1945 meldete sich eine Frau aus dem Strootgebiet. Sie hatte nach dem Ende der Kämpfe um Lingen einen Käfig mit einem Papagei in einem Straßengraben gefunden. Sie wusste aber nicht, woher das Tier stammte. Obwohl sie ihn gut pflegte, hat der Papagei kein Wort gesagt.

Offenbar hatte Englischen Soldaten Lora in Hanekenfähr entführt – vielleicht hatten sie das Tier auch in Kriegsgefangenschaft genommen, weil es das Deutschlandlied gesungen hatte. Jedenfalls wurde der Papagei wegen erwiesener Unschuld bald darauf in Lingen freigelassen.

Schließlich erhielt die Finderin einen Hinweis, dass es sich wohl um den Papagei von Schievink handele und sie meldete ihren Fund. Da war die Freude groß. Opa Schievink fuhr mit Pferd und Wagen nach Lingen und holte das Tier samt Käfig nach Hanekenfähr zurück. Der Papagei blieb aber weiter stumm.

Im Sommer richteten Schievinks ihr Haus soweit wieder her, dass sie dort notdürftig einziehen konnten. Auch der Papagei erhielt wieder seinen angestammten Platz in der Küche. Dort fühlte er sich auch bald wieder besser und begann erneut zu sprechen und zu singen.
 
Bis 1958 hat er sein Altenteil in Hanekenfähr noch genossen. Seine Lieblingsspeisen waren Zuckerwürfel und die leckeren Pfannkuchen von Mutter Schievink. Gesund ist das für einen Papagei sicher nicht, gleichwohl erreichte er ein biblisches Alter. Heute erinnert an das bekannte Vogeltier aus Lingen immerhin noch eine bunte Papageienfeder im Emslandmuseum.



Fotos v.o.n.u.: Emslandmuseum, Emslandmuseum, Emslandmuseum