Gegen starken Widerstand gründeten Arbeiter des Lingener Eisenbahn-Ausbesserungswerkes 1894 einen Ortsverein der deutschen Eisenbahn-Handwerker und -Arbeiter und schufen damit die erste Gewerkschaft des Emslandes. Weitere Gewerkschaftsgründungen folgten. Dann aber kam das Jahr 1933. Anfang April besetzten und durchsuchten SS und SA die Büros der freien und christlichen Gewerkschaften und beschlagnahmten Akten. Nur wenige Tage nach den aufwendig inszenierten NS-Maifeierlichkeiten erfolgte im Rahmen der Gleichschaltung der freien Gewerkschaften die Verhaftung der Lingener Gewerkschaftsfunktionäre Baum, Wolters, Keppler und Melcher. Letzterer war zugleich Vorsitzender der Lingener SPD. Die christlichen Gewerkschaften blieben zunächst verschont und nahmen sogar an der Maifeier teil. Sie wurden Ende Juni gleichgeschaltet. An die Stelle der zerschlagenen Gewerkschaften setzten die Nationalsozialisten die Deutsche Arbeitsfront (DAF), einen Einheitsverband von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Als sich die Gewerkschaften 1945 in der britischen Zone wieder organisierten, wurde Hans Böckler, seit vielen Jahren Gewerkschafter und SPD-Mitglied, zur zentralen Figur der Gewerkschaftsbewegung. Im Oktober 1949 wurde er erster Vorsitzender des neu gegründeten Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
In Lingen konstituierte sich Ende September 1945 ein freier Gewerkschaftsbund. Die Gründungsversammlung fand im Kivelingstheater statt. Der frühere Gewerkschaftsfunktionär Melcher übernahm vorläufig den Vorsitz. Er dankte den anwesenden Vertretern der britischen Militärregierung für ihre Unterstützung und verurteilte das Verhalten der Nationalsozialisten gegenüber der Arbeiterschaft. Der zweite Vorsitzende Nietsch verlas die Satzung. Der neue Bund wollte an die alten freien und christlichen Gewerkschaften anschließen, in Zukunft aber sollte es statt der bisherigen Zersplitterung nur noch eine Gewerkschaft geben, die die Interessen der gesamten Arbeiterschaft vertreten konnte und sich nicht zuletzt auch für die Arbeitsrechte der Heimatvertriebenen einsetzen wollte. Das bedeutete insbesondere, die konfessionellen und parteipolischen Gegensätze zu überwinden. Besonderer Wert wurde auf die Eliminierung sämtlicher nationalsozialistischen Einflüsse gelegt. Da man durch die Aufnahme ehemaliger Nazis die Gefahr der Untergrabung bis hin zum Zusammenbruch der Gewerkschaft befürchtete, konnten ehemalige NSDAP-Mitglieder nur als Anwärter ohne Zugang zu den führenden Stellen aufgenommen werden. In offener Abstimmung wurde die Satzung angenommen. Der Gewerkschaftsbund dürfte 1949 im DFG aufgegangen sein.
Angesichts der boomenden Ölförderung im Emsland entstand unter dem Dach des DGB im Juli 1950 außerdem eine Lingener Zweigniederlassung der Industriegewerkschaft Bergbau. Sie eröffnete ein Büro im Lingener Finanzamtsgebäude. Daneben gab es außerdem Zweigstellen der IG Eisenbahn und der IG Bau, Steine und Erden. Tatsächlich erlebte die Gewerkschaftsbewegung im Emsland während der Nachkriegsjahre einen starken Aufschwung. Das zeigte sich auch 1949 auf der vom Lingener DGB-Kreisausschuss ausgerichteten Maifeier auf der Wilhelmshöhe, an der auch Landrat Meyer und Bürgermeister Landzettel teilnahmen. Allein von 1949 bis 1951 stieg die Mitgliederzahl in den Kreisen Bentheim, Lingen und Meppen von 17.000 auf über 22.000. Die beiden Büroräume, die der DGB in der Marienstraße unterhielt, waren längst viel zu klein.
Im Herbst 1950 begann der Kreisausschuss Emsland des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit dem Bau eines eigenen Verwaltungsgebäudes am Gasthausdamm 6. Die Finanzierung übernahm die Vermögensverwaltung der IG Bergbau. Politisch war das durchaus umstritten. Es habe sich, so schrieb das Lingener Tageblatt später, „in allen politischen Lagern ein Geraune“ erhoben „mit erhobenem Zeigefinger: ‚Seht an, hier werden die Gelder der Gewerkschaft zu luxuriösen Palästen verbaut!‘“ Nach den Plänen des Lingener Architekten Otto und durchgeführt von dem Bauunternehmer Gerhard Otten entstand allerdings alles andere als ein Luxusbau, vielmehr ein solide gestalteter Zweckbau. Anfang September 1951 – vor nunmehr 75 Jahren – wurden die Bauarbeiten abgeschlossen. Im Erdgeschoss richtete der Kreisausschuss Emsland seine Büroräume ein, ebenso die ihm unterstellten Industriegewerkschaften IG Bergbau, IG Eisenbahn und IG Bau, Steine und Erden. Zwei weitere Räume wurden an einen nichtgewerkschaftlichen Betrieb vermietet. Im zweiten Stock befanden sich zwei Privatwohnungen und im Dachgeschoss die Wohnung des Hausmeisters. Der Kreisausschuss Emsland war bereits im September 1950 an Hans Böckler mit der Bitte herangetreten, das Gewerkschaftshaus nach ihm benennen zu dürfen. Böckler zeigte sich erfreut und übermittelte die besten Wünsche für die Gewerkschaftsarbeit im Emsland. Und so erhielt das Haus den Namen Hans-Böckler-Haus. Böckler selbst hat das nicht mehr erlebt, er starb im Februar 1951.
Über sechzig Jahre lang diente das Hans-Böckler-Haus als Gewerkschaftsitz. Zuletzt waren hier nicht nur der DGB, sondern auch der DGB-Rechtsschutz und die IG Bauen-Agrar-Umwelt untergebracht. 2017 bezogen sie das neue Gewerkschaftshaus in der Kaiserstraße 2, in dem auch der Lohnsteuerverein Solidarität und der Mieterbund ein Quartier fanden. Am 1. Mai 2017 hatten Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, sich von dem alten Haus zu verabschieden. In einem Demonstrationszug ging es von dort zum neuen Gewerkschaftshaus. Das Gebäude wurde schließlich von der Stadt erworben, um die ärztliche Versorgung in der Stadt zu verbessern. Zu diesem Zweck verkaufte sie es 2025 weiter. Nach einer Renovierung befinden sich hier seit kurzem eine neurologische Praxis und ein Pflegedienst. Und auch die fehlenden Buchstaben der Hausinschrift sind wieder da. Gemäß dieser hatte das Haus nämlich zwischenzeitlich „Hans-Böc ler-Haus“ geheißen, dann „Han -Bö kler-Haus“. Nun ist es wieder das „Hans-Böckler-Haus“.
Quellen und Literatur