Wer Mitte Juni 1975 die Lingener Tagespost aufschlug, konnte anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt Lingen einen merkwürdigen Satz lesen. Lingen, so stand da, habe „die Form einer Löwenzunge“. Das ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht unbedingt die erste Assoziation, wenn man sich frühneuzeitliche Stadtansichten von Lingen anschaut. Der Satz soll von Hugo Franziscus van Heussen (1654-1719) stammen, seinerzeit Dekan und Generalvikar in Utrecht.
Auf der Suche nach dem Zitat stößt man auf seine „Historia seu Notitia Episcopatus Deventriensis“, der posthum 1733 in Antwerpen erschienenen „Geschichte oder Kunde des Bistums Deventer“. Dort heißt es auf Seite 197 übersetzt: „Am Fluss Ems gab es einst nur eine Burg als gelegentliche Residenz für alternde Adlige, heute ist es jedoch eine Stadt und Hauptstadt des Territoriums von Lingen, das sich zwischen den Bistümern Osnabrück und Münster sowie den Grafschaften Tecklenburg und Bentheim in Form einer Löwenzunge erstreckt und 13 Pfarreien in sich fasst.“ Nicht die Stadt Lingen, sondern das Territorium Lingen soll also die Form einer Löwenzunge („forma leoninae linguae“) gehabt haben. Und mit etwas Phantasie mag man in dem langgestreckten, leicht gekrümmten Gebiet auch tatsächlich die Form einer Zunge erkennen. Aber waum ausgerechnet die Zunge eines Löwen?
Um diese Anspielung zu verstehen, muss man ein weiteres Buch aufschlagen, nämlich das Geschichtswerk „De Leone Belgico“ (Über den belgischen Löwen), 1583 veröffentlicht von dem österreichischen Chronisten Michael Aitzinger. Es beschreibt die Geschichte der Niederlande ab 1559 und enthält eine von dem Kupferstecher Frans Hogenberg gestochene Karte, die die Niederlande in der Gestalt eines Löwen zeigt. Diese Form der Darstellung ist in der Folgezeit vielfach kopiert worden. Die Küstenlinie der Nordsee bildete den Rücken des Belgischen Löwen, Luxemburg lag auf seiner linken Tatze, Jülich auf seiner rechten. Leeuwarden lag direkt hinter dem rechten Auge, Groningen auf seiner Nase – und ausgerechnet Lingen auf der Zungenspitze!
Es war wohl dieses bekannte Bild, das van Heussen bei seiner Formulierung vor Augen hatte. Auch Hogenbergs graphische Entscheidung, Lingen auf die Zunge zu setzen, war nicht frei von einer gewissen Ironie. Denn Lingen und „lingua“, das lateinische Wort für Zunge oder Sprache, klingen durchaus ähnlich. So ähnlich, dass sogar die Lingener Machurius-Sage damit spielt. Dort heißt es nämlich, Lingen habe seinen Namen erhalten, weil die Gegend wegen des bösen Treibens des Geistes Machurius in einer „lingua mala“, also in einem schlechten Ruf stände.
Der Löwe, als „König der Tiere“ ein Symbol für Herrschaft und Mut, spielt in der Heraldik eine große Rolle, und auch in Lingen lassen sich Beispiele dafür finden. So schloß sich an das 1646 errichtete Drostenamtshaus ein Torbogen mit Löwenkopf an, später bekannt unter dem Namen Machuriustorbogen. Und um 1717 wurde unter Silvester Dietrich von Danckelmann (1689-1738) das Haus Danckelmann umgestaltet. Damit entstand auch die seitliche Toreinfahrt aus zwei von Vasen gekrönten Hauptpfeilern. Auf dem rechten Nebenpfeiler sitzt ein Löwe und hält das Danckelmannsche Wappenschild.
Silvester Dietrichs Vater Thomas Ernst Danckelmann (1638-1709) hatte nach dem Tod Wilhelms III. von Oranien Lingen 1702 für den preußischen König in Besitz genommen. Lingen war seitdem preußisch, und das hatte offenbar auch Auswirkungen auf das Stadtwappen. Dieses zeigte seit dem 14. Jahrhundert drei Türme als Zeichen für die starke Befestigung der Stadt. Seit dem frühen 18. Jahrhundert aber finden sich zusätzlich zwei Löwen als Wappenhalter, wie sich etwa auf Siegelabdrücken von 1720 und 1740 zeigt. In dieser Form führt die Stadt Lingen ihr Wappen bis heute. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die beiden Löwen die Zunge herausstrecken…
Quellen und Literatur: