"Der Hr. von Loen ist gegenwärtig in der gelehrten Welt eine Person, auf welche aller Augen gerichtet sind", so konnte man 1753 im zweiten Band der berühmten Gelehrten-Enzyklopädie "Das Neue Gelehrte Europa" lesen. Und das war noch vorsichtig formuliert. Die einen bewunderten ihn, die anderen hielten ihn für einen ausgemachten Ketzer. Schuld war ein Buch, das er in zwei Bänden 1750 und 1752 veröffentlicht hatte. Es trug den kämpferischen Titel "Die einzige wahre Religion" und löste vor allem in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main heftige Kontroversen aus.
Hier, in Frankfurt, hatte Johann Michael von Loen am 21. Dezember 1694 das Licht der Welt erblickt. Er entstammte einem alten holländischen Adelsgeschlecht, ein Zweig der Familie hatte im 17. Jahrhundert das Gut Herzford bei Lingen besessen. Die Eltern starben früh, so wuchsen er und sein Bruder beim Großvater auf, von dem sie 1718 ein beträchtliches Vermögen erbten. Damit war Johann Michael finanziell unabhängig. Sein Jurastudium hatte er bereits abgeschlossen, und so begab er sich auf Reisen quer durch Deutschland, später auch nach Prag, Wien und Paris. Vor allem pflegte er gute Beziehungen nach Berlin. Mit nur 26 Jahren verlieh ihm König Friedrich Wilhelm I. den Titel eines preußischen Geheimrats. 1729 heiratete er Maria Catharina Sybille Lindheimer, eine Schwester von Goethes Großmutter. Im selben Jahr starb sein Bruder, und so erbte er eben jenes repräsentative Landhaus außerhalb Frankfurts, in dem sich Goethes Eltern 1748 das Ja-Wort geben sollten.
Johann Michael von Loen war im Besitz einer umfangreichen Bibliothek, verfügte über eine hervorragende Bildung, beschäftigte sich mit Philosophie, Theologie, Literatur, Politik und Geschichte, übte sich im Musizieren und Zeichnen. Und er schrieb. In seinem 1725 unter Pseudonym erschienenen "Evangelischen Friedenstempel" entwickelte er die Idee einer Übereinkunft der christlichen Konfessionen unter Rückbesinnung auf die christliche Urkirche. Sein "Redlicher Mann am Hofe" von 1740 war zugleich utopischer Roman und Fürstenspiegel des aufgeklärten Absolutismus. Eindruck machte vor allem aber die "Einzige wahre Religion", in der er die Zerteilung des Christentums "in allerhand Secten" und die "Zankereyen der Schriftgelehrten" kritisierte. Loen, der selbst der reformierten Konfession anhing, forderte deshalb nicht weniger als den Zusammenschluss aller Konfessionen. Der Gegenwind, den er für seine Thesen erfuhr, war enorm, insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Gießener Theologen Benner wurde schnell persönlich. 1746 hatte er noch die Stelle des Präsidenten des Berliner Oberkonsistoriums abgelehnt, weil er dafür Frankfurt hätte verlassen müssen. Doch nun wollte er nur noch weg. Da bot ihm der preußische Großkanzler Cocceji, ein alter Freund, die Stelle des Regierungspräsidenten in Lingen und Tecklenburg an. Johann Michael von Loen, immerhin schon 58 Jahre alt, zögerte zunächst, nahm aber schließlich an. Dass sich ausgerechnet einer der gelehrtesten Männer der Stadt in die tiefste Provinz verabschiedete, löste in Frankfurt nur allgemeines Kopfschütteln aus.
In Lingen wurde er 1752 feierlich empfangen. Eine kleine Delegation reiste ihm entgegen und begleitete ihn beim Zug durch die Stadt. Doch auch hier gab es einige, die ihn kritisch sahen. Ferdinand Stosch, Professor an der Hohen Schule, hielt ihn für einen "verketzerten und doch vortreflichen und christlichen Mann", und unter den Glückwünschen, die er zum Amtsantritt erhielt, war auch das Spottgedicht eines gewissen "Plebifex": "Ich lobe keinen L. Er ist ein arger Kätzer. Er schreibt so, wie er denkt, und denkt nicht so, wie ich." Ein Spottgedicht auf das Spottgedicht folgte prompt: "Ich lobe keinen L., denn er bedarf es nicht: Es lobt ihn sein Verdienst, was Plebifex auch spricht." Einen Unterstützer fand von Loen vor allem in dem Lingener Professor von Hoven, der ihn zunächst unter Pseudonym, dann auch ganz offen verteidigte.
Seinen Überzeugungen hinsichtlich der Vereinigung der Konfessionen blieb er auch in Lingen treu. Zwar konnte ihm niemand vorwerfen, ein "Unchrist" zu sein, in die Kirche aber ging er nur selten, zum Abendmahl überhaupt nicht. Bekannt für seine Freundlichkeit und seine Abneigung gegen alle Zänkereien, suchte er auch in der Provinz vor allem die Gesellschaft von Gelehrten. Glücklich jedoch wurde er Lingen nicht. Das "Neue Gelehrte Deutschland" von 1756 wußte zu berichten: "Er hat es nicht so gefunden, wie er es gedacht und gehoffet hatte, und die Erfahrung überzeuget ihn anbey täglich, daß es weit leichter sey, der Welt und Kirche in seinem Cabinet Verbesserungsregeln vorzuschreiben, als solche zur Ausübung derselben zu bewegen und zu bringen."
Es kam noch schlimmer. Im Zuge des Siebenjährigen Krieges wurde Lingen 1757 von den Franzosen erobert, ein Jahr später zogen sie sich mit von Loen als Geisel nach Wesel zurück, wo er die nächsten vier Jahre unter elenden Bedingungen in Gefangenschaft verbrachte. Erst dann wurde ihm gestattet, sich durch einen seiner Söhne im Gefängnis vertreten zu lassen. Sein Amt als Regierungspräsident behielt er bis 1765, konnte aber nicht mehr viel bewirken. Sein Sehvermögen war zunehmend vom Grauen Star beeinträchtigt. Eine Augenoperation mißlang, er wurde fast blind. Vor 250 Jahren – am 24. Juli 1776 – starb er, nur wenige Wochen nach seiner Frau, und wurde im gerade neu errichteten Schiff der Reformierten Kirche beigesetzt. Ein dortiges Epitaph, gestiftet von seinen vier Söhnen, erinnert noch heute an ihn und seine Frau. In lateinischer Sprache enthält es die folgende Inschrift:
"Dem besten Elternpaar,
Johann Michael von Loen,
des Königs der Preußen, solange er lebte, Geheimer Rat
sowie Präsident in der Grafschaft Tecklenburg und Lingen über 23 Jahre hinweg,
geboren zu Frankfurt am Main am 21. Dezember 1694,
gestorben zu Lingen am 24. Juli 1776 im Alter von 81 Jahren, 7 Monaten und 2 Tagen,
und Maria Catharina Sybilla Lindheimer,
geboren zu Wetzlar am 24. November 1702,
gestorben zu Lingen am 20. März 1776 im Alter von 73 Jahren, 3 Monaten und 24 Tagen,
47 Jahre lang als hochehrwürdiges Ehepaar verbunden,
haben dieses Denkmal der Frömmigkeit errichtet die Söhne Johann Michael, Johann Wolfgang, Rudolph Immanuel und Johann Justus."
Quellen und Literatur: