Harry Kramer wurde am 25. Januar 1925 in Lingen geboren. Seine Eltern waren Johann Kramer, Klempner im Ausbesserungswerk, und seine Frau, die Schneiderin Elisabeth Keppler aus Nimwegen. Als überzeugter Kommunist wehrte sich der Vater zunächst dagegen, den Jungen taufen zu lassen, doch die Verwandtschaft drängte erfolgreich auf eine protestantische Taufe. Er erhielt schließlich die Vornamen Harry (nach dem Schauspieler Harry Piel) und Karl (nach Karl Marx). Der Vater war Mitglied der Lingener Ortsgruppe der KPD und ließ sich 1929 erfolglos für die Gemeinde- und Kreistagswahl 1929 aufstellen. Außerdem waren die Eltern Mitglied des KPD-nahen Freien Turn- und Sportvereins „Vorwärts“. Als Harrys Mutter 1932 nach längerem Sanatorienaufenthalt an Tuberkulose starb, fielen dem Siebenjährigen die Trauerkränze mit Hammer und Sichel auf. Er zog nun zur Urgroßmutter.
Aus Angst vor Verfolgung ließ sich der Vater – inzwischen wieder verheiratet – 1938 ins Ausbesserungswerk Neumünster versetzen, und der dreizehnjährige Harry ging mit ihm. Eine Rechtschreibschwäche hatte den Besuch eines Gymnasiums verhindert. Die dortige Volkschule verließ er mit einem Zeugnis, das Ziel der 8. Klasse mangelhaft erreicht zu haben. Auf Wunsch des Vaters begann er eine Aubildung bei dem Neumünsteraner Herrenfriseur Petau. Doch er langweilte sich, plante eine Überfahrt nach Amerika, verlor aber seinen Pass und endete im Polizeigefängnis Osnabrück. Unter den dortigen „Pennern, Säufern, Dieben“, so erzählt er später, habe er sich wohler gefühlt als bei den „selbst nackt noch uniformierten Zombies“. Als sein Vater ihn nach 14 Tagen auslöste, verweigerte Harry die Rückkehr nach Neumünster. Er ging zum Lingener Friseur Fritz Droop und befreundete sich mit dem reformierten Pastorensohn Jochen Staedtke. Es sei „die Verachtung des banalen Terrors, der Ekel vor der dumpfen, nicht identifizierbaren Gewalt“, so Harry Kramer später, die beide Kinder zusammengeführt habe. Er versuchte, Schauspieler zu werden. Doch Vorsprechen 1942 im Stadttheater Osnabrück und 1943 im Stadttheater Münster blieben ohne Erfolg.
1943 wurde er mit 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und als Panzergrenadier im Norden Frankreichs eingesetzt. Nach einem nächtlichen Feuergefecht brachte er einen verletzten Amerikaner zum Sanitäter. Damit war der Amerikaner der erste Gefangengenommene der Division, und Harry Kramer bekam das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Später wurde er selbst gefangengenommen und für den Küchen- und Casinodienst eingeteilt. Ein Fluchtversuch scheiterte 20 km vor Paris, ein weiterer – bereits nach der Kapitulation im Mai 1945 – brachte ihn bis nach Belgien und endete in einem amerikanischen Lager. Auf dem englischen Landsitz Farmhall diente er für einige Monate als einer der Burschen für zehn internierte deutsche Wissenschaftler, unter ihnen Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker.
Nach kurzem Aufenthalt im Osnabrücker Gefängnis kehrte er nach Neumünster zurück, wo ihn das Arbeitsamt wieder zu dem Friseur Petau schickte. Nach einer erfolglosen Bewerbung im Operettenhaus Hamburg ging Harry Kramer auf die Tanzschule Rogge in Hamburg und absolvierte erste Auftritte. Danach wechselte er ans Stadttheater Bielefeld, dann ans Stadttheater Münster, wo er seine spätere Frau, die Tänzerin und Folkwang-Schülerin Helga Brauckmeyer kennenlernte. Das Stadttheater Münster verließ er jedoch 1951 im Streit.
Das Paar zog zunächst nach Starnberg, dann folgte er ihr nach Berlin. Hier entstanden die ersten Puppen für sein „Mechanisches Theater“, das große Aufmerksamkeit erhielt. 1956 siedelte das Paar nach Paris über. Mit dem Kameramann Wolfgang Ramsbott schuf er fünf kurze Experimentalfilme. Außerdem begann er mit der Schaffung von Drahtplastiken. 1964 nahm er an der Documenta 3 in Kassel teil. Im Jahr darauf wurde er Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Er reiste Helga nach Las Vegas nach, wo beide heirateten.
1970 folgte er dem Ruf als Professor an die Hochschule für Bildende Künste Kassel. Seine eigene Produktion gab er daraufhin auf. Unter dem Namen „Atelier Kramer“ arbeitete er fortan gemeinsam mit seinen Studierenden. Einer seiner Schüler war Gunter Demnig, der später auch in Lingen Stolpersteine verlegen wird. 1971 mauerte sich Kramer im Museum Fridericianum Kassel zehn Tage lang ein und kommunizierte nur durch Gitterstäbe mit den Besuchern. 1978 entstand die Installation „1984 – Termitenstaat“ in Form eines auf Menschenmaß vergrößerten und von Versuchspersonen bewohnten Termitenbaus. Von 1979 bis 1987 entstanden 20 großformatige „Apokalypse“-Bilder. Sein letztes Projekt war 1981 bis 1992 die Künstlermetropole Kassel, für die verschiedene Künstler ihre eigene Grabplatte entwerfen sollten, um sich hier später begraben zu lassen. Die Metropole wurde im Jahr seiner Emeritierung 1992 eröffnet. Harry Kramer starb am 20. Februar 1997 in Kassel. Er wurde – allerdings ohne eigenes Grabmonument – in der Künstlermetropole bestattet. Sein Nachlass befindet sich heute in der Kunsthalle Lingen.
Die Ausstellung „Harry Kramer und seine Zeit“ ist noch bis zum 11. Januar 2026 in der Kunsthalle Lingen zu sehen.
Quellen und Literatur: