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Archivalie – August 2026

50 Jahre Tierschutzverein Lingen
Das alte Tierheim am Horstweg bei einer Spendenübergabe (Tierschutzverein Lingen)
Das neue Tierheim am Husarenweg (Tierschutzverein Lingen)

1976 – vor nunmehr 50 Jahren – gründete sich der Tierschutzverein Lingen. Die eigentliche Geschichte des Vereins beginnt aber schon etwas früher. Bereits im Juni 1974 trafen sich die Lingener Mitglieder des 1875 gegründeten Tierschutzvereins Osnabrück auf der Wilhelmshöhe, um die langjährige Außenstelle Lingen zu einem eigenen Verein "Tierschutz Lingen und Umgebung e.V." aufzuwerten. Der Osnabrücker Verein unterstützte das mit einem kleinen Scheck und versprach, weiterhin unterstützend zur Verfügung zu stehen. Die 71 Mitglieder beschlossen sogleich, die Vereinsgründung mit einem Antrag beim Amtsgericht nun auch zu offizialisieren. Als wichtigstes Vereinsziel sah man die Unterbringung der immer zahlreicher werdenden Fundtiere in neuen Familien.

Das bedeutete bereits jetzt mehr Arbeit, als der Verein überhaupt bewerkstelligen konnte. Für die wenigen wirklich aktiven Mitglieder war es fast schon eine Art unbezahlter Vollzeitjob. Sie fuhren kreuz und quer durch den Altkreis, um Fundtiere abzuholen, bei Haushaltsauflösung Hilfe zu leisten und eine gute Betreuung der Tiere zu gewährleisten, suchten bei schlechten Haltungsbedingungen das Gespräch mit den Besitzern, meldeten Fälle von Tierquälerei, hielten den Kontakt mit Behörden und Tierärzten und waren ständig auf der Suche nach Familien, die bereit waren, einen Hund oder eine Katze aufzunehmen, wenn auch nur für wenige Tage. Nur wenn im Einzelfall überhaupt nichts mehr ging, fungierte der städtische Bauhof als provisorisches Notquartier. Vor allem in den Urlaubsmonaten und nach Weihnachten wurden viele Tiere einfach ausgesetzt.

Angesichts der täglich neuen Herausforderungen blieb das Organisatorische auf der Strecke. Auf der Generalversammlung im Januar 1976 zeigte sich, dass der Verein stagnierte. Von den rund 80 Mitgliedern waren nicht einmal zehn aktiv tätig, und eine Anmeldung beim Amtsgericht stand immer noch aus. Zumindest letzteres wurde im Laufe des Jahres nachgeholt. Nach Verabschiedung einer Satzung erfolgte am 10. Dezember 1976 der Eintrag ins Vereinsregister, es ist der offizielle Gründungstag des Lingener Tierschutzvereins.

Das größte Problem war, dass es kein Tierheim und damit keine tierschutzgerechte Unterbringung der Fundtiere gab. Dafür war eigentlich die Stadt verantwortlich, denn juristisch handelte es sich bei den Fundtieren um "Fundsachen". Bisher aber hatte die Stadt nur bewilligt, eine Freifläche auf dem Bauhof zu nutzen. Die beiden dort aufgestellten Hundehütten hatte der Verein selbst gekauft, und auch die Versorgung der dort notdürfig untergebrachten Hunde finanzierte er allein. Ohnehin war dort selbst die kurzzeitige Unterbringung nur sehr robusten Hunden zumutbar. Es gab kein fließendes Wasser und selbst im tiefsten Winter keine Heizmöglichkeiten. Dabei hatte der Verein im Jahr 1975 insgesamt über hundert herrenlose Hunde und zahlreiche Katzen zu betreuen, allein im Januar 1976 waren es 28 Hunde, darunter viele "Weihnachtsgeschenke" und eine Mutter mit Welpen.

Bis zum Bau des ersten Lingener Tierheims dauerte es jedoch noch. Der Verein sparte, sammelte Spenden und war insbesondere am Welttierschutztag aktiv. Und wie bei anderen Vereinen auch erklärte sich die Stadt zur Übernahme eines Teils der Kosten bereit. Sie übernahm später auch die Bauleitung. Doch erst im November 1987 konnten die Notunterkünfte auf dem Bauhof verlassen und nach einjähriger Bauzeit das Tierheim am Horstweg – also in unmittelbarer Nähe zum damaligen Bauhof – bezogen werden. Für die Inneneinrichtung reichte das Geld schon nicht mehr, und so bat der Verein um die Spende von Stühlen, Bänken und Regalen. Inzwischen hatte der Verein jedes Jahr rund 300 Hunde und fast ebensoviele Katzen zu betreuen und zu vermitteln. Zwar wurde der Verein inzwischen regelmäßig mit städtischen Geldern unterstützt, doch da es noch immer keine hauptamtliche Kraft gab, wurden die anfallenen Arbeiten im Schichtdienst von Freiwilligen übernommen, parallel zu Beruf, Studium oder Schule.

Immer wieder berichteten Vereinsmitglieder von extremen Fällen. Einmal wurde ein Mischlingshund, während er mit Kindern spielte, von einem Bauern mit dem Schrotgewehr erschossen. Ein anderes Mal wurde ein Welpe in einer kalten Weihnachtsnacht einfach über den Zaun des Tierheims geworfen. Dann wieder musste der Verein plötzlich 22 verwahrloste Hunde gleichzeitig aufnehmen. Sie waren monatelang unter elenden Bedingungen in einem dunklen Schuppen gehaten worden. Es handelte sich um einen Hundehändler aus dem Altkreis Aschendorf-Hümmling, der seine Hunde teils auch von den umliegenden Gemeinden als Fundtiere überwiesen bekommen hatte. Sie litten unter Augen- und Ohrenentzündungen, Würmern und blutigem Durchfall. Viele waren so ausgehundert, dass sie die Nahrungsaufnahme erst wieder lernen mussten. Einige Welpen konnten nicht mehr gerettet werden. Mangels Beweisen wurde der Hundehalter schließlich freigesprochen. Mit unseriösen Tierhändlern hatte der Verein immer wieder zu tun, und Tiere, die das Heim mehr tot als lebendig erreichten, waren keine Seltenheit.

In der Nachbarschaft – das waren auf weiter Flur fast ausschließlich die Anwohner der Maiknecht-Straße – stieß das Tierheim auf breite Ablehnung. Wenn in der Nacht die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause gegangen waren, begannen einige alleingelassene Hunde, laut zu heulen. Auch dass die Hunde beim Spaziergang in der Umgebung ihr Geschäft verrichteten, störte die Anwohner. Jugendliche Gassigänger wurden von Anwohnenden beschimpft und mit Schlägen bedroht.

Hinzu kam, dass das Tierheim eigentlich von Anfang an zu klein war. Regelmäßig mussten rund 40 Hunde und 20 Katzen gleichzeitig betreut werden, gelegentlich auch mal ein Kaninchen, ausgelegt war das Heim aber nur für 20 Hunde und mehrere Katzen. Das Problem waren und blieben die zahlreichen unüberlegten Tieranschaffungen. Da wurden die Vermieter vorher nicht gefragt, die Kosten für den Unterhalt nicht bedacht oder Tiere einfach verschenkt. Zwar war man regelmäßig bei Sendungen wie dem 1991 gestarteten WDR-Format "Tiere suchen ein Zuhause" zu Gast, die Zahl der schutzbedürftigen Tiere wuchs jedoch kontinuierlich. 2002 waren es rund 630 Tiere, darunter 250 Hunde und 310 Katzen. Im Oktober 2003 hatte das Tierheim 90 Katzen gleichzeitig zu beherbergen, selbst im Büro der Heimleiterin waren Katzen untergebracht. Eine Quarantänestation gab es nicht, und allmählich wurde das Gebäude marode. Und obwohl inzwischen Schutzwände aufgestellt worden waren, blieb die Lärmbelästigung ein Dauerthema.

Bald war klar, das der Standort am Horstweg mittelfristig nicht zu halten war. 2001 begannen die ersten Gespräche über ein neues Tierheim. Mit Unterstützung des Ordnungsamtes fand man schließlich ein geeignetes Grundstück am Husarenweg, 1,4 Hektar groß, in städtischem Besitz und weit entfernt von jeder menschlichen Besiedlung. Das Ziel war, nicht einfach ein Tierasyl, sondern eine Begegnungsstätte für Menschen und Tiere. Die Finanzierung erwies sich einmal mehr als großes Problem. EU, Bundesland und Landkreis verweigerten Zuschüsse, lediglich die Stadt hatte ihre Unterstützung zugesagt. Der Rest musste durch Spenden finanziert werden. Über eigene Rücklagen verfügte der Verein nicht, im Gegenteil: vor allem wegen hoher Arztrechnungen war er im fünfstelligen Bereich verschuldet. Doch das war nicht das einzige Problem. Denn im Ortsrat Laxten gab es starke Bedenken gegen den neuen Standort. Lange war seine Zustimmung fraglich, in geheimer Abstimmung und mit knappem Ergebnis akzeptierte er die Ansiedlung dann aber doch. Dank zahlreicher Spenden war schließlich auch die Finanzierung gesichert, und so konnte das neue Tierheim am Husarenweg im Februar 2006 bezogen werden.

Entstanden war tatsächlich eine Begegnungsstätte, und zwar mit Waldauslauf für Hunde, einem Katzentrakt mit Freiauslauf, einer großen Wiese und einer Cafeteria mit Kaffee und Kuchen. Im Jahre 2026 steht deshalb ein doppeltes Jubiläum an: 50 Jahre Tierschutzverein Lingen und 20 Jahre Tierheim am Husarenweg. Gefeiert wird am 16. August ab 11 Uhr mit einem Sommerfest auf dem Gelände des Tierheims.

Quellen und Literatur:

  • StadtA LIN, Allgemeine Sammlung, Nr. 1319.
  • StadtA LIN, Allgemeine Verwaltung, Nr. 625.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 837.
  • StadtA LIN, Lingener Tagespost vom 14.6.1974, 27.1.1976, 2.2.1976, 24.10.1987, 19.2.1988, 8.8.1988, 7.10.1988, 24.7.1992, 28.7.1992, 31.12.1998, 13.4.2002, 18.3.2003, 31.10.2003, 16.4.2004 und 16.9.2024.
  • StadtA LIN, Ortsratsprotokoll Laxten vom 11.12.2003 und 8.4.2004.
  • www.tierheim-lingen.de/geschichte



Artikeldatum: 5. August 2026
Fotos v.o.n.u.: © Stadtarchiv Lingen , © Stadtarchiv Lingen