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Archivalie – April 2026

Das Mausoleum Koke
Die Grabstätte der Familie Koke und das Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof in Lingen.  Blick vom Stadtpark aus, ca. Ende der 1930er Jahre (Stadtarchiv Lingen)
Die Lingener Kokenmühle (Stadtarchiv Lingen)

Die Familie Koke gehörte im 19. Jahrhundert zu den führenden Industriellenfamilien der Stadt. Die Basis dafür hatte sie mit dem Erwerb eines Windmühlenbetriebs, der fortan so genannten Kokenmühle, gelegt. Wie viele andere Emsländer der damaligen Zeit suchten einige Familienmitglieder allerdings ihr Glück in der Ferne. Philip und Hermann Koke wanderten in den 1830er Jahren nach Indiana aus, Christian und Heinrich Koke 1847 bzw. 1866 nach New York.

Auch den Müller Friedrich Koke (*22.12.1857) zog es in die neue Welt, allerdings nicht in die USA, sondern nach Chile. In Rancagua, einer landwirtschaftlich geprägten Kleinstadt mit damals über 4000 Einwohnern, gründete er als Federico Koke 1892 eine eigene Kokenmühle („el Molino Koke“), die er mit großem Erfolg betrieb. Verheirat war er mit der ebenfalls aus Lingen stammenden, aber deutlich jüngeren Maria Klasing (*22.12.1875). Am 2.11.1897 brachte sie in Santiago de Chile die Tochter Blanca zur Welt.

Mit ihrer Heirat wurde Blanca eine Freifrau von Flotho, doch die Ehe scheiterte. 1931 heiratete sie in Hannover erneut, nämlich Friedrich Frisius (*17.1.1895), der nach seinem Abitur in Lingen bei der Marine Karriere machte. Friedrich Kokes jüngerer Bruder Hermann hatte sich in Lingen inzwischen als Besitzer der Kokenmühle und Senator einen Namen gemacht. Trotz der großen Entfernung riss der Kontakt nicht ab. Noch 1922/23 verbrachte Maria Klasing mehrere Monate in Lingen, bis sie wieder nach Chile zurückkehrte.

Am 17.12.1924 starb Friedrich Koke in Rancagua. Seinem Wunsch entsprechend wurden Vorkehrungen getroffen, ihn in Lingen zu beerdigen. So entstand bis 1930 auf dem Alten Friedhof das Mausoleum Koke, ein neoklassizistischer Bau aus Kunststeinblöcken mit Säulenportikus und Apsis. Über dem Eingang befindet sich ein Kreuz und die Inschrift „Familie Friedrich Koke“. Das Innere bot Platz für sechs Sarg- und vier Urnenkammern. Bei der Sargkammer Kokes findet sich unter den Sterbedaten die Inschrift „LEBEN IST ARBEIT“. Als Maria Koke am 16.4.1938 in Rancagua starb, wurde auch ihr Sarg im Mausoleum aufgenommen. Ihr Spruch lautet „GOTT LEGT UNS EINE LAST AUF, ABER ER HILFT UNS AUCH.“

Friedrich Frisius setzte seine Militärkarriere im Zweiten Weltkrieg fort. Im September 1944 wurde er Festungskommandant der von alliierten Truppen eingeschlossenen Stadt Dünkirchen. Inzwischen zum Vizeadmiral befördert, verhinderte er bis zum Schluß die Befreiung der Stadt. Seine Frau Blanca verbrachte die 1930er und 1940er Jahre derweil in Wilhelmshaven, Hamburg und in der Lingener Klasingstr. 2. 1951 kehrte sie nach Chile zurück, wo sich nach Aufenthalten in Lingen und den USA auch Friedrich Frisius schließlich einfand. 1967 verbrachte sie erneut einige Tage, er einige Monate in der Lingener Klasingstraße, im Mai 1970 siedelten sie dann dauerhaft von Santiago de Chile zur Klasingstraße um. Nur wenig später starb Friedrich Frisius am 30.8.1970. Blanca Frisius, geborene Koke, geschiedene von Flotho, überlebte ihren Mann um fast 23 Jahre. Sie starb am 6.6.1993 in Rancagua. Auch sie beide fanden im Mausoleum Koke ihre letzte Ruhe. Bei ihren Lebensdaten findet sich ein Zitat aus dem Johannesevangelium: „ABER SEID GETROST, ICH HABE DIE WELT ÜBERWUNDEN“.

Nach langen Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft übernahm schließlich die Friedhofsverwaltung das Mausoleum. Im Vorfeld der 2017 erfolgten Grundsanierung fand man eine gießkannenartige Keramik mit zwei stilisierten Fröschen, einer Art Kaulquappe und einem Wesen mit anthropomorphen Gesichtszügen, eine traditionelle Grabbeigabe aus dem präkolumbischen Peru. Als Kolumbarium dient das Mausoleum heute der Aufbewahrung von Urnen. Die Kokenmühle in Rancagua ist im Bereich der Lebensmittelindustrie auch heute noch eines der wichtigsten Unternehmen der Stadt. Das dahinterliegende ausgedehnte Grundstück mit den Wohnhäusern ist heute ein öffentlicher Park mit über hundertjährigem Eichen- und Mammutbaumbestand und als Parque Koke bekannt.

Quellen und Literatur:

  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 1258.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 315.
  • StadtA LIN, Karteislg., Nr. 3, Nr. 10 (56).
  • StadtA LIN, Lingener Tagespost vom 12.6.1993, 4.11.2018 und 24.6.2019.
  • Dlugay, Inge: Der alte Friedhof zu Lingen-Ems, in: Lingener Heimatkalender auf das Jahr 1854, S. 74-89.
  • Eiynck, Andreas: Von der Neuen in die Alte Welt, vom Jenseits ins Diesseits. Ein geheimnisvoller Fund im Koke-Mausoleum (2020) (https://emslandmuseum.de/2020/10/29/von-der-neuen-in-die-alte-welt-vom-jenseits-ins-diesseits/ )
  • Galle, Karl-Ludwig: Frisius – Koke. Einige ergänzende „Splitter“ zur lutherischen Gemeinde in Lingen, in: Emsländische und Bentheimer Familienforschung, Heft 141/142, Band 28 (2017), S. 180-195.
  • Tenfelde, Walter: Auswanderungen und Auswanderer aus dem ehemaligen Kreise Lingen nach Nordamerika, Lingen 1993.
  • Wikipedia, Art. „Parque Koke“ (https://es.wikipedia.org/wiki/Parque_Koke).


Artikeldatum: 7. April 2026
Fotos v.o.n.u.: © Stadtarchiv Lingen , © Stadtarchiv Lingen