veröffentlicht am 08.07.2015

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Juli 1915


1. Juli: „Die Herren Gemeindevorsteher weise ich auf die Beachtung der Polizeiverordnung (…) betreffend Vernichtung der gelben Wucherblume hin, wonach alle Ackerbesitzer bei Strafe verpflichtet sind, bis zum 1. Juli alle sichtbaren Wucherblumen mit Wurzeln zu vernichten und die bereits Samen tragenden Exemplare zu verbrennen.“ (LW)

4. Juli: „Als Neuerung kommt hauptsächlich in Betracht, daß nach den zu 1, 4 und 5 genannten Verordnungen folgende im Reiche angebaute Getreidearten: Roggen, Weizen (nicht Buchweizen), Gerste und Hafer, allein oder mit anderen Getreide gemengt, (…) beschlagnahmt werden. Die Beschlagnahmung erstreckt sich auch auf den Halm und aus beschlagnahmten Brotgetreide ermahlene Mehl. Mit dem Ausdreschen wird das Stroh von der Beschlagnahme frei. (…) Zuwiderhandlungen gegen die Beschlagnahme, wozu auch das Verfüttern des beschlagnahmten Brotgetreides gehört, werden mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder Geldstrafe bis zu 10.000 M. bestraft (…).“ (LW)

4. Juli: „Einzelnen entwichenen Gefangenen ist es möglich gewesen, bis dicht an die Landesgrenze zu kommen und zwar nur dadurch, dass ihnen seitens der Bevölkerung Nahrung und Obdach gewährt wurde. Ich ersuche die Bevölkerung nicht zu vertrauensselig fremden Personen gegenüber zu sein. Es wird von Jedermann erwartet, daß er tatkräftig bei der Überwachung der Gefangenen, sowie besonders bei der Ermittelung und Wiederergreifung von Entwichenen mitwirkt.“ (LV)

6. Juli: „Die Ernte steht vor der Tür. Ihre Einbringung ist für den Ausgang des gewaltigen wirtschaftlichen Krieges, den das deutsche Volk gegen rücksichtslose Feinde zu führen gezwungen ist, von höchster Bedeutung (…). Die landwirtschaftliche Bevölkerung wird allein selbst bei günstiger Witterung nicht im Stande sein, die Ernte rechtzeitig einzubringen. (…) Es ist darum eine Ehrenpflicht aller Zurückgebliebenen, der Frauen und Mädchen nicht minder als der Männer, (…), in die Lücken einzutreten. Die gewohnte Arbeit (…) darf für kurze Zeit zurückstehen hinter dem wichtigen, dem Heere und dem ganzen Volke den zum Durchhalten erforderlichen Bestand an Nahrungsmitteln zu sichern.“ (LW)

7. Juli: „Vom 1. August 1915 an dürfen bis auf weiteres folgende, ausschließlich oder vorwiegend aus Baumwolle zu fertigende Web- und Wirkwaren ohne Unterschied, ob glatt, gemustert oder buntgewebt, nicht mehr hergestellt werden.“ (LW)

7. Juli: „Ich weise die Bäcker und Händler wiederholt daraufhin, daß auf eine Brotmarke nicht mehr als 625 Gramm abgegeben werden darf.“ (LW)

9. Juli: „Noch immer werden der Geschäftstelle unseres Blattes Anzeigen vom Tode gefallener Helden überreicht, in denen sowohl der Kriegsschauplatz wie der Truppenteil genannt werden. Unsere Heeresleitung wünscht nicht, daß aus den Todesanzeigen in den Zeitungen, die vielfach auf Umwegen in die Hände unserer Feinde geraten, Schlüsse auf die Stellungen der verschiedenen Truppenteile gezogen werden können. Infolgedessen ist es untersagt, bei Todesanzeigen Truppenteil und Kriegsschauplatz gemeinsam anzuführen.“ (LV)

16. Juli: „Es ist zur Sprache gekommen, dass Briefe aus dem Felde oder Abschriften von solchen in größerer Menge durch Aufkauf und auf andere Weise unter dem Vorgeben gesammelt werden, dass ihr Inhalt in einem vaterländischen Schriftwerke verwertet werden solle. Agenten suchen auf diese Weise planmäßig einen Stoff zu sammeln, der über die Gliederung des Heeres, Standorte, Verschiebungen, Verluste der deutschen Truppen und anderes dem Feinde Schlüsse ermöglicht.“ (LW)

16. Juli: „Nach Mitteilung des Kriegsministeriums sind (…) teils mit der Post teils mit der Eisenbahn aus dem Felde stammende Blindgänger und sonstige scharfe Artilleriegeschosse in beschädigtem Zustande übersandt worden, die anscheinend an irgend einer Stelle (…) angehalten oder sonst gefunden worden sind. Jedes Bewegen oder Aufnehmen scharfer Artilleriemunition und von Blindgängern (…) ist äußerst gefährlich. Wo solche Geschosse angetroffen werden, sind sie an Ort und Stelle zu belassen, während das nächste Artilleriedepot schleunigst zu verständigen ist.“ (LW)

17. Juli: „Die Polizeistunde wird auf 12 Uhr nachts oder den von der Polizeibehörde für ihren Bezirk bestimmten frühren Zeitpunkt festgesetzt. Wer in einer Schankstube oder an einem öffentlichen Vergnügungsort über die festgesetzte Polizeistunde hinaus verweilt, (…) wird (…) bestraft.“ (LW)

23. Juli: „Nachdem die mehrfachen öffentlichen Hinweise (…), den Verbrauch von Schlagsahne zu vermeiden, nicht den wünschenswerten Erfolg gehabt haben, bestimme ich im Interesse der Volks-, insbesondere Kinderernährung (…): Die gewerbsmäßige Herstellung bezw. der Verkauf von Schlagsahne, ebenso die Zugabe von Schlagsahne zu Speisen und Getränken in Gastwirtschaften, Konditoreien und Erfrischungsräumen von Waren- und Kaufhäusern ist untersagt. Zuwiderhandlungen (…) werden (…) mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft.“ (LV)

28. Juli: „Am Samstag Abend starb hier unser allverehrter Herr Pastor Tewes im 54. Lebensjahre. Seit 1901 hat er in unserer Pfarre überaus segenreich gewirkt und sich durch seinen edlen und selbstlosen Charakter die Liebe und Zuneigung aller erworben.“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW).
Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen,
Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


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