veröffentlicht am 04.06.2015

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Juni 1915


2. Juni: „In der Nacht von Samstag auf Sonntag starb plötzlich in Folge eines Herzschlages Herr Justizrat W. Niemann im 65. Lebensjahre. Wie ein Lauffeuer ging die erschütternde Nachricht am Sonntag früh von Mund zu Mund. (…) Abgesehen von vielen Ämtern und Posten in verschiedenen Korporationen war er über 30 Jahre im städtischen Kollegium tätig, zuerst als Bürgervorsteher und seit 1907 als Senator der Stadt Lingen. (…) Politisch gehörte er dem Centrum an. (…) Er ruhe in Frieden!“ (LV)

2. Juni: „Sammelt ausländisches Geld! (…) Zur Pflege und Versorgung der verwundeten und erkrankten Krieger bedarf das Rote Kreuz noch großer Mittel. (…) Jeder, der von einer Auslandsreise Geld oder Postwertzeichen mitgebracht hat, (…) stelle sie uns zur Verfügung. Zu großen Mengen vereinigt, haben sie bedeutenden Wert.“ (LV)

2. Juni: „Die Lingener Jugendkompagnie rückte am Sonntag, den 30. Mai, nachmittags zu einer Felddienstübung gegen die Jugendkompagnie Meppen aus. (…) Durch schnelles geschicktes Einsetzen von Reserven gegenüber (einer) schwachen Stelle des Feindes gelang es den Lingenern, den frisch durchgeführten Sturmangriff der Meppener Hauptmacht durch einen Flankenangriff schwer zu bedrohen.“ (LW)

5. Juni: „Es wird öfters von seiten der Leiter der Übungen bei der Jugendwehr darüber Klage geführt, daß sich an den wöchentlichen Übungen so wenig junge Leute aus dem Handwerkerkreise beteiligen. Der Grund (…) ist aber (…) in Folgendem zu suchen: Die Übungen finden zur verkehrten Tageszeit statt. Da infolge des Krieges die älteren Kräfte (…) unter die Fahnen gerufen sind, ist es (…) nicht möglich, die jungen Leute gerade während der rechten Arbeitsstunden zu entlassen. (…) In den kühleren Abendstunden läßt sich jedenfalls geradesogut (…) üben als in der glühenden Sonnenhitze. Einigkeit macht stark! Mit Gott für König und Vaterland! Mehrere gutgewillte junge Handwerker.“ (LV)

5. Juni: „Lingen, 3. Juni. Die heutige Fronleichnamsprozession nahm unter sehr großer Beteiligung der Gläubigen wieder einen erhebenden Verlauf. Wer vermutet hatte, daß die Ausschmückung der Straßen und Häuser wegen der stark verminderten Arbeitskräfte in diesem Jahre gegen früher zurückstehen werde, war angenehm enttäuscht.“ (LV)

6. Juni: „Am hiesigen Gymnasium Georgianum legt heute eine Anzahl von Abiturienten die Notprüfung ab.“ (LW)

9. Juni: „Die Landsturmwache an der hiesigen Emsbrücke nahm vorgestern einen aus dem Gefangenenlager in Celle entwichenen Russen fest. Derselbe spricht ziemlich gut deutsch. Er wurde wieder nach Celle gebracht.“ (LV)

16. Juni: „Auf das in nächster Nummer des Regierungsamtsblatt zur Veröffentlichung kommende Verbot (…) über den Betrieb und die Anpreisung des„ Kleiderläuse-Bekämpfungsmittels Plagin“ mache ich (…) aufmerksam. Der Regierungs-Präsident.“ (LV)

19. Juni: „Für den durch Tod aus dem Bürgervorsteherkollegium ausgeschiedene Herrn Lehrer Witte (ist) für die Amtszeit des Verstorbenen ein neuer Bürgervorsteher zu wählen. (…) Das Stimmrecht hat die Zahlung eines jährlichen Steuersatzes von 4 Mark zur Gemeindekasse bezw. ein Einkommen von mehr als 660 Mark zur gesetzlichen Voraussetzung.“ (LV)

23. Juni: „22. Juni. Das goldene Priesterjubiläum kann heute feiern Monsignore Georg Vornemann, Rektor der St. Paul’s Kirche in Reading, Pa. (Amerika). Der Jubilar ist geboren am 5. Oktober 1838 zu Lingen.“ (LV)

23. Juni: „‚Fahnen heraus’ hieß es gestern am späten Abend noch, als nach 8 Uhr hier bekannt wurde, daß Lemberg erobert ist. Böllerschüsse und Glockengeläute von allen Kirchen der Stadt verkündeten die frohe Siegesnachricht. Es mag wohl ein Jeder mit dem demnächstigen Fall von Lemberg gerechnet haben, daß er aber schon so rasch erfolgen werde, das ahnte wohl Niemand. Dem Himmel und unseren wackeren Truppen sei Dank, daß wir im Osten um einen so bedeutenden Schritt näher am Ziele sind.“ (LV)

26. Juni: „Es haben Veröffentlichungen über die Gesamtverluste des deutschen Heeres und der deutschen Marine stattgefunden, die (…) zum Teil weit übertriebene Zahlen angaben. Derartige Mitteilungen sind geeignet, grundlose Beunruhigung in der Bevölkerung hervorzurufen.“ (LV)

26. Juni: „Aus einem Briefe, den der Kriegsfreiwillige U. aus Bawinkel an seine Eltern richtete, entnehmen wir Folgendes: ‚Vor einigen Tagen traf ich unter großem Staunen einen alten Bekannten, nämlich unseren früheren Fuchs, die Nora (Anfang August ausgemustert und nach Wesel transportiert). Sie läuft als Vordersattelpferd vor einer Artillerie-Munitionskolonne (…). Der Reiter sagte, er habe das Pferd Anfang September in Wesel empfangen, sei dann mit dem Tier in Belgien, Russisch-Polen und dann im Winter in den Karpathen gewesen. (…) Ich hätte es gern zurückbehalten.’“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW).
Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen,
Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Lingener Stadtarchiv, Lingener Stadtarchiv, Lingener Stadtarchiv