veröffentlicht am 08.07.2019

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Juli 1919

 
2. Juli: „Die meisten unserer Krieger sind inzwischen heimgekehrt, aber nicht wie wir es erhofften, sieggekrönt (…) wie die Helden von 1870/71 seiner Zeit, sondern still und zumeist allein, (…) oft verstümmelt und bedeckt mit Narben. (…) Andere sind zwar noch nicht heimgekehrt; sie schmachten als Kriegsgefangene in Feindesland; aber wir wissen, daß auch sie über kurz oder lang uns zurückgegeben werden. Und noch andere kehren niemals heim ins Elternhaus. (…) Aus der kath. Pfarrgemeinde Lingen wurden, soweit bislang festgestellt werden konnte, (…) 234 zum Heere einberufene Soldaten Opfer des Krieges und zwar aus der kath. Schulgemeinde Lingen 141, Altenlingen 19, Biene 21, Brögbern 12, Estringen 16, Holthausen 5 und Laxten 20.“ (LV)

3. Juli: „Auf Veranlassung der Kriegsamtsstelle in Hannover sind wir gezwungen, von heute ab Gassperrstunden einzulegen.“ (LW)

5. Juli: „Die städtischen Kollegien haben beschlossen, in nächster Zeit eine Bibliothek zu gründen. Mit Rücksicht auf die entstehenden hohen Kosten (…) bitten wir (…), uns durch Zuweisung guter Bücher und Geldspenden zu unterstützen.“ (LV)

5. Juli: „An alle Bürger! Die Wohnungsnot hat ihren Höhepunkt erreicht. Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Viele Bürger der Stadt stehen nun vor der Tatsache, obdachlos zu werden. Wir bitten (…), die vielleicht noch abzutretenden Wohnungen bei uns anzumelden. (…) Der Magistrat. Die Wohnungs-Kommission.“ (LW)

LW 5. Juli: „Eingesandt. In Nr. 77 dieses Blattes erscheint eine Notiz folgenden Wortlauts: ‚Aus Anlaß des unserem Vaterlande aufgezwungenen Schmachfriedens (…) ist vom Reichsverbund der aktiven Unteroffiziere (…) die Anlegung eines Trauerflors für alle aktiven Unteroffiziere auf die Dauer von 14 Tagen angeordnet. Die aktiven Unteroffiziere wollen damit zugleich auch einen Protest erheben gegen die Vergnügungssucht (…), die am sichtbarsten durch die vielen Tanzlustbarkeiten in die Erscheinung tritt.‘ Soweit die Notiz. Dreht man nun das Blatt um, findet man auf der Inseratenseite (…) eine Bekanntmachung, wonach die Unteroffiziere des Infanterie Regiments Nr. 160 (…) auf der Wilhelmshöhe ein Tanzkränzchen veranstalten. (…) Einsender (…) fragt bei denselben an, wie sie in die Lage kommen, derartigen Widerspruch (…) zu vereinen.“ (LW)

5. Juli: „In dem Blatt vom 3. Juli erschien die Anzeige über ein Tanzkränzchen. (…) Diese Anzeige wird hiermit zurückgenommen. Sergt. Paffen, Hus.-Regt. Nr. 7“ (LW)

8. Juli: „Am Sonntag, den 6. Juli, hielt der Sozialdemokratische Wahlverein in seinem Lokal ‚Club‘ seine jährliche Generalversammlung ab, welche gut besucht war. In derselben wurde u.a. beschlossen, die Stadt in 4 Agitationsbezirke einzuteilen. (…) Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resulat: 1. Vorsitzender Richard Uhle (…)“ (LW)

10. Juli: „Man schreibt uns: ‚Die hiesige Ortsgruppe des Verbandes deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegsteilnehmer veröffentlicht in letzter Nummer d. Bl. einem Bericht, worin dieselbe ihre Gründung anzeigt. (…) Draußen stand Protestant, Katholik, Jude, Dissident, Atheist usw. Schulter an Schulter im Kampfe. Hier aber dürfen es religionslose Krieger nicht wagen, sich dem ‚Vertreter‘ seiner Interessen zu nahen. Und so etwas heißt der Verband eine ‚wirklich neutrale Organisation‘? Gleichzeitig nimmt der Verband alle ‚Berufsorganisationen aller Stände‘ auf, aber Sozialdemokrat darf er nicht sein (…). Da ist der Reichsbund ein ganz anderer Geselle! Bei dem sitzt Zentrumsanhänger neben dem Sozialdemokraten, der nationale Volksparteiler neben dem unabhängigen Sozialdemokraten. (…) Eine Ortsgruppe mit über 200 Mitgliedern existiert auch in Lingen.‘“ (LW)

12. Juli: „Falls der Kohlenmangel im nächsten Winter, wie anscheinend zu erwarten, in bisherigem Maße andauern (…) sollte, wird es nicht möglich sein, die Zentralheizungen vorzugsweise zu beliefern. (…) Es wird deshalb empfohlen, sich (…) einen mit Ofen heizbaren Raum einzurichten. (…) Der Magistrat“ (LW)

16. Juli: „An der am Sonntag mittag gegen 12 Uhr auf dem Marktplatze stattgehabten Protestkundgebung, die der Arbeiter-Rat zwecks Abbau der hohen Lebensmittel- und Bedarfsartikelpreise einberufen hatte, nahmen mehrere tausend Personen teil. Von allen Gegnern wurden laute Klagen gegen die hohen Preise erhoben und dementsprechende Resolutionen zur Weitergabe an die zuständigen Stellen gefaßt. Die Kundgebung verlief in ruhiger Weise ohne Zwischenfall.“ (LV)

17. Juli: „Gestern abend fand im Saale Pagel, Rheinerstraße, eine von der Ortsgruppe Lingen von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands einberufene öffentliche Versammlung statt. (…) Gewerkschaftssekretär Plattner sprach über das Thema: Die Regierungspolitik und das Proletariat! (…) Ich kann all den Schmutz nicht wiedergeben, den der Redner (…) den etwa 400 Versammelten vorzusetzen wagte. (…) Wm“ (LW)

22. Juli: „Betreffend öffentliche Versammlung der U.S.P.D (…) Im übrigen empfehle ich dem Verfasser des Artikels: Setzen sie vorsichtshalber in Zukunft hinter Ihr ‚Wm.‘ die Zahl ‚III‘, denn sie passen sich allem Anschein nach dem aus dem Amt geschiedenen ‚W. II.‘ sehr gut an.“ (LW)

26. Juli: „Am 1. August (…) wird für den Eisenbahndirektionsbezirk Münster ein Sekretariat des Allgemeinen Eisenbahnerverbandes errichtet. Als Leiter desselben ist der in Lingen gut bekannte Arbeiterführer F. Knospe ernannt worden.“ (LW)

26. Juli: „Die Hausfrauen Lingens werden eingeladen zu einer Versammlung am (…) 29. Juli (…) zwecks Gründung eines Hausfrauenbundes.“ (LV)

29. Juli: „Die große Wohnungsnot zwingt die hiesige Wohnungskommission, von der (…) Bundesrats-Verordnung Gebrauch zu machen, da jede Milde in dieser Frage zwecklos war. Alle Vermieter werden hiermit aufgefordert, die abzutretenden Räume anzumelden. Jedes Mieten und Vermieten von Wohnungen kann nur noch durch die Kommission erfolgen. (…) Die Wohnungskommission.“ (LW)

31. Juli: „Da der Arbeiterrat feststellte, daß der Gemüsehändler Richtering keinen Wucher betrieben hat, nehme ich diesen Ausdruck zurück. Georg Kelling.“ (LW)
 
Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Stadtarchiv Lingen