veröffentlicht am 05.02.2019

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Februar 1919

 
1. Feb.: „Da festgestellt worden ist, daß entgegen unserer viehseuchenpolizeilichen Anordnung vom 20. Januar 1919 (…) im Stadtgebiet noch Hunde frei herumlaufen und da andererseits das weitere Umsichgreifen der Tollwut amtstierärztlich festgestellt ist, ist (…) angeordnet, daß Hunde, welche der vorbezeichneten Anordnung zuwider frei herumlaufen, sofort getötet werden.“ (LW)

5. Feb.: „Die städtischen Kollegien beschäftigten sich (…) mit der von der preußischen Regierung ausgeschriebenen Verordnung betr. Auflösung der Gemeindevertretungen und deren Neuwahl, gegen welche von vielen anderen preußischen Städten bezw. Stadtverwaltungen sowie von Städteverbänden Widerspruch bezw. Ablehnung erfolgt ist. (…) (Es) einigten sich die Kollegien einstimmig für folgende Resolution: ‚(…) Die hier bereits eingeleitete Neuregelung soll auf Grund der von der preußischen Regierung ausgeschriebenen Verordnung (…) durchgeführt werden.‘“ (LV)

6. Feb.: „Am Dienstag fand die erste Vollversammlung des hiesigen A.- und S.-Rats im Restaurant Gronemeyer statt. Vertreten waren sämtliche Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte sowie die seinerzeit gewählten Kommissionsmitglieder, insgesamt 49 Personen. Der Vorsitzende, Herr Knospe, erstattete einen Bericht über die Tätigkeit des A.- und S.-Rates seit seinem Bestehen, der darin gipfelte, daß es dem vorsichtigen, taktvollen und wo es sein mußte auch energischen Verhalten bis heute gelungen ist, die Ruhe und Ordnung auch in unserer Stadt aufrecht zu erhalten. Bei der stattgefundenen Neuwahl des Vorstandes wurde Knospe wiedergewählt.“ (LW)

11. Feb.: „Unverständliche Haltung des Bürgervorsteherkollegiums. In einer gestern abend stattgefundenen gemeinsamen Sitzung beider städtischer Kollegien stand ein Antrag aus der vereinigten Beamtenschaft Lingens, das Bürgervorsteherkollegium auf 18 Mitglieder zu erhöhen, zur Entscheidung. Wie allseitig bekannt, verhandeln seit Wochen die maßgebenden politischen Parteien über die Aufstellung geeigneter Kandidaten, wobei es sich herausgestellt hat, daß bei der z.Zt. bestehenden Zusammensetzung der Wählergruppen die Arbeiterschaft 6, die Beamtenschaft 3 und der Grundbesitz, Kaufmannschaft, Handel und Gewerbe insgesamt nur 3 Vertreter erhält. Dieser unhaltbare Zustand konnte durch den Antrag in etwa ausgeglichen werden, indem man derjenigen Gruppe, welche doch sicherlich die größten Interessen in der Stadtverordnetenversammlung zu vertreten hat, dem Grundbesitz usw. einige Sitze zubilligte. Und was geschieht? Gerade diejenigen Vertreter, von denen man es nicht erwarten sollte, zwei der als zu schwach bezeichneten Gruppe angehörenden jetzigen Mitglieder des Bürgervorsteherkollegs (…) treten mit nichtigen Gründen gegen eine Erweiterung des Bürgervorsterhkollegs auf. (…) Das ist kein Fortschritt, sondern Rückschritt.“ (LW)

13. Feb.: „Die Bekanntmachungen des Magistrats (…) werden wie folgt ergänzt: In dem auf Sonntag, den 2. März ds. Js. angesetzten Wahltermin sind 24 Bürgervorsteher zu wählen. Zur Einreichung entsprechender Wahlvorschläge wird hiermit aufgefordert. (…) Der Magistrat. Die Wahlkommission“ (LW)

13. Feb.: An unsere Gasabnehmer. Die täglich schwieriger werdende Beschaffung der erforderlichen Kohlen zwingt uns zu der Mahnung, den Gasverbrauch auf das unumgänglich Notwendigste einzuschränken. (…) Die Verwaltung des städtischen Gas- und Wasserwerks. H. Koke, Senator“ (LW)

15. Feb.: „Die provisorisch, durch die Revolution geschaffene Regierung hat eine Verordnung mit Gesetzeskraft erlassen, nach der die gegenwärtigen Gemeindevertretungen für aufgelöst erklärt sind und bis zum 2. März Neuwahlen stattzufinden haben. (…) Bisher herrschte auf dem Rathause ein gewisser Zug von Mäßigung und Vorsicht, indem man die kommunalen Körperschaften nicht mit einem Schlage erneuerte, sondern durch stufenweise Ergänzung (…) erneuerte. (…) Welche Schäden mit dieser radikalen Umwälzung für die Städte verbunden sind, bezeugen die Proteste der meisten Stadtverwaltungen. (…) Es bedarf keiner Frage, daß das veraltete System der kommunalen Selbstverwaltung einer Auffrischung dringend bedurfte. (…) Warum diese Voreiligkeit von einer Regierung, deren Herrschaft nur noch nach Stunden zählt? Sie wollte ihren sozialdemokratischen Anhängern noch ein (…) Geschenk reichen. (…) Am letzten Dienstag tagte bei Tieding eine Versammlung der Vorstände aller hiesigen politischen Vereine. Alle erklärten sich bereit, eine gemeinsame Liste aufstellen zu wollen, auf der sich eine glückliche Verteilung der Stadtverordnetensitze nach einzelnen Berufsständen hätte erreichen lassen. Die Sozialdemokratie allein lehnte das energisch ab. Durch diese Weigerung der Sozialdemokratie wird es für uns zur Notwendigkeit, daß sich in Lingen die kommende Bürgervorsteherwahl unter parteipolitischen Gesichtspunkten abspielt.“ (LV)

15. Feb.: „Beschlagnahme von Lebensmitteln durch den hiesigen A.- u. S.-Rat. Der Schleichhandel nimmt in unserem Kreise einen erschreckenden Umfang an. (…) Sämtliche beschlagnahmte Lebensmittel wurden der Stadt zugeführt und kommen somit der Allgemeinheit zugute.“ (LW)

18. Feb.: „Gegen alles Völker- und Menschenrecht werden unsere Gefangenen in Feindesland zurückgehalten. (…) Wir können und müssen helfen! Zu diesem Zweck hat sich in Lingen eine ‚Ortsgruppe des Volksbundes zum Schutz der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen‘ gebildet.“ (LW)

22. Feb.: „In Anbetracht des noch immer herrschenden Wohnungsmangels wird nochmals allen hiesigen Einwohnern, welche irgendwie in der Lage sind, Wohnungen, Wohnräume, möblierte Zimmer abzuvermieten, dringend ans Herz gelegt, dieselben beim Arbeiter- und Soldatenrat zu melden. (…) Schärfere Maßnahmen werden sonst unvermeidlich sein.“ (LW)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Stadtarchiv Lingen