veröffentlicht am 07.01.2019

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Januar 1919

 
7. Jan.: „Am Montag nachmittag um 5 Uhr fand im Naveschen Saale eine sehr gut besuchte Versammlung der Frauen Lingens statt, zu der die Frauenvereine eingeladen hatten. Im Namen des Vorstandes eröffnete Fräulein Schulvorsteherin Eylert die Versammlung. (…) Fräulein Büning schilderte die trostlosen Zustände im deutschen Vaterlande und wies auf die Aufgabe der Nationalversammlung hin, Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. (…) Alle, denen etwas daran liegt, daß ihre Kinder auch weiterhin christlich erzogen werden, daß sie in der Schule Religionsunterricht erhalten, müssen ihre Stimmen den bürgerlichen Parteien geben.“ (LW)

11. Jan.: „Wie wir hören, sind in Münnigbüren, Baccum und Ramsel Soldaten, die sich als Quartiermacher aus Lingen ausgaben, auf frischer Tat ertappt worden, als sie unter Vorspiegelung, daß sie gegen Abgabe von Lebensmitteln das betr. Gehöft mit möglichst wenig Mannschaften belegen wollen, ganz gute Geschäfte gemacht hatten. Also Vorsicht!“ (LV)

14. Jan.: „Den Einwohnern Lingens wird es hierdurch zur Pflicht gemacht, innerhalb drei Tagen ihre leerstehenden Wohnungen, möblierte Zimmern usw., soweit es noch nicht geschehen, beim A.-u.S.-Rat, Zimmer 4, anzumelden. Nach dieser Frist wird eine Revision seitens des A.-u.S.-Rates vorgenommen und werden die Inhaber noch unangemeldeter vermietbarer Räume zur Verantwortung gezogen, eventuell sofort durch Militär belegt. (…) Der A.-u.S.-Rat. Der Magistrat“ (LW)

14. Jan.: „Die Sicherheit und Ruhe unserer Stadt in Gefahr? Zu einem tumultuarischen Auftritt kam es gestern abend gegen 7 Uhr auf dem hiesigen Marktplatze. Teile des Inf.-Rgts. 65, die in den letzten 14 Tagen in das I.R. 160, hier, versetzt worden sind, versuchten vor dem Stadthause zu revoltieren, indem sie sich vorm Eingange desselben zusammenscharten und auf die Polizeimannschaften schimpften. Der Aufforderung auseinanderzugehen leisteten nicht alle Demonstranten Folge, sondern riefen, wir bleiben. Die Sicherheitswache zerstreute daraufhin die Ruhestörer mit Gewalt.“ (LW)

15. Jan.: „Die städt. Kollegien beschlossen heute gemeinsam mit dem Arbeiter- und Soldatenrat sofort eine Bürgerwehr zu gründen, damit derartige Auftritte in Zukunft nicht mehr möglich sind. Auch die Sicherheitswache wird deutlich verstärkt werden.“ (LV)

16. Jan.: „Am Sonntag, den 12.1. fand in Lingen eine öffentliche Versammlung der deutsch-hannoverschen Partei statt, die aus Stadt und Land sehr gut besucht war. Herr Reichstagsabgeordneter Colshorn Wiedenhausen sprach über die Bildung einer freien Republik Hannover im freien Deutschland. (…) In der nun folgenden Aussprache (…) las ein Oberlehrer des Lingener Gymnasiums dem Publikum ein ausführliches wissenschaftliches Kolleg über die wechselvolle Geschichte des Emslandes in den verschiedenen Jahrhunderten. Er wies der staunenden Zuhörerschaft nach, daß das Emsland seiner Geschichte nach zum Rheinland und Westfalen gehöre und machte für den Anschluß nach dahin Propaganda. Der vereinzelt ihm zuteil werdende Beifall rührte wohl nur von seinen Schülern (? d. Schriftltg.) her.“ (LW)

18. Jan.: „Die Entlausung sowie Reinigung der Kleidungsstücke etc. haben entgegenkommenderweise die Krankenhäuser in Lingen, Lengerich, Thuine, Emsbüren und die Schwesternstation in Spelle übernommen. Der Landrat.“ (LW)

18. Jan: „Am Montag abend hatte die deutsche Volkspartei, Ortsgruppe Lingen, zu einer großen öffentlichen Versammlung eingeladen. Es sprach der Führer der ehemaligen nationalliberalen Partei Dr. Stresemann. (…) Die anwesenden Herren von der Sozialdemokratie suchten mit mehr Lungen- als Geisteskraft Herrn Dr. Stresemann als Kriegsverlängerer, Annektionisten u.s.w. zu brandmarken.“ (LV)

18. Jan.: „(…) Bemerkt muß hierzu werden, daß die Tumultuanten parteilos sind und, wie mit Sicherheit festgestellt ist, von spartakistischen Anhängern dazu aufgestachelt wurden. (…) Sozialdemokratischer Wahlverein. J.A. Bachmann.“ (LW)

22. Jan.: „Ergebnis der Nationalwahl am 19. Januar 1919 (Stadt Lingen: Zentrum 41%; SPD 33%; DVP 17%; DHP 5%; DDP 4%)“ (LV)

25. Jan.: „Im Anzeigenteil des ‚Lingener Volksboten‘ haben verschiedene andere Parteien Anzeigen veröffentlicht, in denen sie zur Wahl ihrer Kandidaten auffordern. Wir brauchen wohl nicht besonders zu betonen, daß die Redaktion des ‚Lingener Volksboten‘ und die Zentrumspartei diesen Anzeigen keinen Erfolg wünschen. (…) Ein Zentrumswähler darf sich durch die Anzeigen und Aufrufe anderer Parteien in keiner Weise beeinflussen lassen. Wir wählen nur Zentrum!“ (LV)

28. Jan.: „Lingen, 21. Jan. Gestern abend sprachen im Nave’schen Saale Herr Amtsgerichtsrat Dr. Varenhorst aus Tostedt und Herr Obermeister Gäsche, Osnabrück, beide von der Deutschnationalen Volkspartei, zu einer stark besuchten Versammlung. Der vielen Einwohnern Lingens aus seiner hiesigen Tätigkeit noch gut bekannte frühere Landtagsabgeordnete Dr. Varenhorst, steht als erster Kandidat unseres Wahlbezirks für die bevorstehende Wahl zur preußischen Nationalversammlung auf der Liste der Deutschnationalen Partei. Er hob (…) hervor, daß die Revolution (…) nicht nur ein nationales Verbrechen, sondern auch eine große Dummheit gewesen sei. (…) Die Revolution fiel unseren (…) Fronttruppen in den Rücken. (…) Mehr als 2 Monate stehen wir nun in der Revolutionsregierung, wo ist das Brot, das sie uns bringen wollte, wo der Friede?“ (LW)

29. Jan.: „Städtische Kollegien, Lingen, den 27. Januar. (…) Es wurde einstimmig beschlossen, die Anzahl der Bürgervorsteher von 8 auf 12 zu erhöhen. (…) Wegen Einführung einer dritten Schicht in Folge des gesetzlichen Achtstundentages und der von den Arbeitern des Gaswerks geforderten Löhne ist eine weitere Erhöhung der Preise nötig. (…) Der Wasserpreis wird um 80% erhöht. (…) Durch möglichst baldige Unterbringung der Truppen in Baracken und Sääle soll dahin gestrebt werden, daß die seit November belegten Schulen wieder für den geregelten Unterricht frei werden.“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


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