veröffentlicht am 05.01.2017

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Januar 1917

 
3. Januar: „Mit Volldampf voraus in 1917! (…) Jetzt marschieren wir in das neue Jahr der Arbeit hinein. Weil der Jahreswechsel sich verhältnismäßig still zu Hause vollzogen hat, wird er nicht groß registriert werden, und für die Eintragung der großen Ereignisse aus der Front sorgt die Weltgeschichte. (…) Die Siegesgöttin geht mit uns Arm in Arm, Deutschlands Friedensliebe hat den Respekt vor seiner Kulturauffassung bei allen gesteigert, denen das Gerechtigkeitsgefühl noch nicht ganz abhanden gekommen ist, und Geld ist da. (…) Kartoffeln, Fleisch und Brot sind keine Sorgenkapitel, auch für dieses Jahr nicht, nur das Buch der Sparksamkeit soll so genau wie möglich geführt werden. (…) Das Brot wird bekanntlich im neuen Jahre eine etwas andere Zusammensetzung erhalten, statt der Kartoffeln kommt Gerstenmehl hinzu, wofür das Bier gestreckt ist.“ (LW)

3. Januar: „Baut Gemüse an! Die Bestrebungen, den Anbau von Gemüse während der Dauer des Krieges zu fördern, haben nach den bisherigen Erfahrungen recht befriedigende Erfolge gezeitigt. Da es sich aber nicht absehen läßt, wie lange der Krieg noch dauert, und da ferner auch nach Friedenschluß die Pflanzenkost noch auf Jahre hinaus ein Hauptnahrungsmittel bilden wird, ist es notwendig, mit aller Kraft dahin zu wirken, dass die Erzeugung von Gemüse für die kommenden Zeiten nicht nur in dem seitherigen Umfang erhalten, sondern noch bedeutend gesteigert wird.“ (LV)

3. Januar: „Im Jahre 1916 starben aus der katholischen Pfarrgemeinde Lingen 50 den Heldentod. Die Gesamtzahl der Gefallenen beträgt 124.“ (LV)

6. Januar: „Im Januar kann sowohl von dem freien Handelspetroleum als auch von der Zuschußmenge für landw. Haushaltungen (Heimarbeiter) auf jede Marke eine Menge von 2 Liter abgegeben werden. Ich mache die Kaufleute darauf aufmerksam, dass die Abgabe von Petroleum ohne Marken strafbar ist.“ (LV)

6. Januar: „Am 13.,15.,16. und 17. Januar 1917, an jedem Tag um 8 ¾ Uhr vormittags, finden im Saale des Hotels Heeger in Lingen Musterungen der sämtlichen männlichen Personen des Kreises Lingen einschließlich Stadt Lingen statt, welche in den Jahren 1898 bis 1892 einschließlich geboren sind und die Entscheidung ‚zeitig garnisionsdienstfähig‘ oder die Entscheidung ‚zurück‘ erhalten haben.“ (LW)

13. Januar: „Verschiedentlich haben Kriegsgefangene, die zu Arbeitszwecken überwiesen sind, versucht, verbotene Nachrichten nach ihrer Heimat zu senden. Sie bitten Mitbewohner, die Verwandte in Kriegsgefangenschaft haben, Briefe den Postsendungen (Liebesgaben) an ihre Angehörigen beizulegen. Sie wollen angeblich dadurch dem kriegsgefangenen Deutschen sein Los erleichtern helfen. Darin liegt eine große Gefahr; denn die meisten Angehörigen können die in fremder Sprache geschriebenen Briefe, falls sie überhaupt offen übergeben werden, nicht lesen und müssen sich also auf die Angaben des Kriegsgefangenen verlassen. Aber auch selbst, wenn einzelne imstande sind, die Briefe zu lesen, vermögen die Kriegsgefangenen durch geheime Zeichen (unsichtbare Schrift) Nachrichten zu geben, um dadurch der Landessicherheit zu schaden. Wer solche Nachrichtenvermittlung Vorschub leistet, macht sich unter Umständen der Beihilfe zum Landesverrat schuldig und wird schwer, gegebenenfalls mit Zuchthaus, bestraft.“ (LV)

20. Januar: „Auf das Verbot des Anlegens sogen. Glitschen bei eintretender Frostglätte sowie des Schneeballwerfens auf den Straßen usw. wird hingewiesen. Zuwiderhandelnde werden bestraft.“ (LW)

31. Januar: „Der Geburtstag unseres Kaisers wurde in diesem Jahre in ganz Deutschland recht eindrucksvoll gefeiert. Nachdem die Feinde des Kaisers Friedensangebot so schnöde zurückgewiesen haben, drängte es jeden Einzelnen, der unbegrenzten Liebe zum Kaiser Ausdruck zu verleihen. In unserer Stadt wurde das Fest eingeleitet am Vorabend mit einer Schulfeier am Gymnasium. Abends war Zapfenstreich. An Kaisers Geburtstag trug die Stadt reichen Flaggenschmuck. In den Kirchen war morgens Gottesdienst und daran anschließend Schulfeier in den Schulen. Mittags fand auf dem Marktplatze die Parade statt; den Schluss bildete eine Festversammlung mit Konzert in der Turnhalle, die recht gut besucht war und einen schönen Verlauf genommen hat.“ (LW)

31. Januar: „Während erfreulicherweise in Stadt und Land weit über die Hundert ihre Goldsachen dem Vaterlande zur Verfügung gestellt haben, sodaß wir bis jetzt fast 4000 M. auszahlen konnten, hat ein Teil unserer Bevölkerung den bitteren Ernst der Lage noch immer nicht erfaßt. Was ist Goldschmuck angesichts der Größe dessen, was für das Vaterland auf dem Spiele steht? Scharenweise strömt es in anderen Städten zu den Goldankaufstellen und opfert freudig Uhren, Ketten, Broschen, Armbänder und Ringe, sodaß oft an kleineren Plätzen die ausgezahlten Summen erheblich höher sind als bei uns. (…) Sollte der Hunger und der Mangel an Gold uns den Feinden gefügig machen?“ (LV)


Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW).
Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen,
Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems).
www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), o.A.