veröffentlicht am 09.01.2015

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Januar 1915

 
2. Januar: „Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande und macht sich strafbar.“ (LV)

2. Januar: „Zucker haben wir übergenug. Ein großer Teil unseres Zuckerüberschusses ging sonst zum Auslande, hauptsächlich nach England. Den Engländern können wir aber in diesem Jahre das Leben nicht ‚versüßen’. Der Zuckerüberschuß bleibt also in Deutschland. Deshalb sollten wir den Rübenbau diesmal einschränken, um Platz für andere, wichtige Produkte zu bekommen. (…) Knapp stand es bei uns immer mit dem Weizen. (…) Erbsen, Bohnen und Linsen sind heute schon knapp. (…) Auch der Bedarf an Kartoffeln ist diesmal ein besonders großer.“ (LV)

3. Januar: „Von völlig unerwarteter Seite wurde auf unserer Redaktion gegen den Artikel des Herrn Schriftstellers Walter Frühauf in Nr. 102 des vorigen Jahrganges in scharfen Worten Protest erhoben, die sogar bis zu einem Hinweis auf die Unannehmlichkeiten mit der Zensurbehörde sich verstiegen. Es handelt sich um die beiden Sätze (…) ‚Weit über eine Million tapferer Krieger hat bereits ihr Leben lassen müssen. Noch ist nicht abzusehen, wie viele ihnen noch folgen mögen.’ (…) Warum unser Blatt das verschweigen soll, vermögen wir beim besten Willen nicht einzusehen. (…) Die Redaktion“ (LW)

5. Januar: „Herzfeld, 2. Januar. Seinen eigenen Totenbrief empfing der Krieger Reuner-Bücker von hier, der auch in der Verlustliste irrtümlich als gefallen bezeichnet ist. Als er verwundet durch Soest transportiert wurde, packte ihn das Heimweh, und er lief nach Muttern. Der Transportführer bemerkte ihn nicht mehr unter den Lebenden und schrieb ihn zu den Toten. (…) Gerade als er sein Vaterhaus betreten will, reicht ihm der Briefträger einen Brief, worin die Mitteilung an die Eltern stand, dass ihr Sohn gestorben sei.“ (LV)

9. Januar: „Ein hiesiger Kriegsfreiwilliger, der vor Reims im Schützengraben treue Wacht hält, schreibt uns: ‚(…) Am heiligen Abend und am hohen Weihnachtsfeste befanden wir uns schon wieder im Schützengraben. (…) Gegen 9 Uhr morgens passierte etwas Einzigartiges. Deutsche und Franzosen gingen haufenweise aus den Schützengräben heraus, um sich ein frohes Fest zu wünschen und sich gegenseitig kräftig die Hände zu schütteln. Es ist kaum glaublich, aber dennoch wahr. Die Franzosen gaben uns Wein, und wir ihnen deutsche Cigaretten. Selbst Offiziere beteiligten sich an dem Morgengruß.“ (LV)

9. Januar: „Gemäß § 16 des Ortsstatuts für die Stadt Lingen sind (…) zwei neue Bürgervorsteher zu wählen. (…) Der Wahltermin wird auf Montag, den 25. Januar 1915 (…) im hiesigen Rathause angesetzt. Die stimmberechtigten Bürger werden zur Wahl hiermit aufgefordert. Das Stimmrecht hat die Zahlung eines jährlichen Steuersatzes von 4 Mark zur Gemeindekasse bezw. ein Einkommen von mehr als 660 Mark zur gesetzlichen Voraussetzung.“ (LV)

13. Januar: „Lingen, 11. Jan. Das von den deutschen Bischöfen angesetzte Triduum wurde hier unter zahlreicher Beteiligung abgehalten. Die kirchlichen Andachten und Predigten waren jedes Mal recht gut besucht. (…) Gestern am Weihesonntag allein waren annähernd 2300 zur hl. Kommunion (), eine Zahl, wie sie in unserer Gemeinde selbst während der Missionen noch nicht erreicht worden ist.“ (LV)

16. Januar: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den Wunsch auszusprechen geruht, dass bei dem Ernste der Zeit die Feier des Allerhöchsten Geburtstages diesmal wesentliche Einschränkungen erfährt. Offizielle oder öffentliche Feste, die den Charakter von Vergnügungen haben, (…) sollen durchweg unterbleiben.“ (LV)

17. Januar: „Zum Neubau eines Schulgebäudes am Pferdemarktplatz in Lingen sollen die Arbeiten in einzelnen Losen vergeben werden. (…) Die Einreichung der Offerten muss spätestens bis zum 30. des Monats, Mittags 12 Uhr im Magistratsbüro erfolgen.“ (LW)

17. Januar: „Für den Neubau eines Lokomotiv-Schuppens auf Bahnhof Lingen sollen die Erd-, Maurer-, Asphalt- u. Steinmetzarbeiten A für den ringförmigen Lokomotiv-Schuppen von 4 Ständen, B für das Drehscheibenfundament und C für die Feuerlöschgrube vor dem Lokomotivschuppen zusammen od. getrennt vergeben werden.“ (LW)

20. Januar: „Öffentliche Sitzung der Städtischen Kollegien v. Lingen, 19. Jan. 1915. (…) Es wurde einstimmig beschlossen, den Magistrat zu ermächtigen, die bei den hiesigen Händlern noch vorhandenen Roggenvorräte (ca. 27 Tonnen) anzukaufen. (…) (Es) sollen von Seiten der Stadt 10 000 Kilo Fleischkonserven in 1 Kilo Büchsen angekauft werden zum Zwecke des Wiederverkaufs zum Selbstkostenpreise an hiesige Einwohner in späterer Zeit bei eintretendem Fleischmangel. (…) Zur Beförderung der Einfuhr von Kartoffeln in die Stadt wurde eine Kommission (…) gewählt.“ (LV)

27. Januar: „Zu(m) Kaisergeburtstag zeigte die Stadt reichen Flaggen-schmuck. In sämtlichen Kirchen fanden Festgottesdienste statt, um Gottes Schutz und Segen für den Kaiser zu erflehen. In den Schulen wurde die Bedeutung des Tages entsprechend gewürdigt.“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW).
Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), o.A.