Josef Rosemeyer, Olympiateilnehmer 1896 in Athen, und die Anfänge des Radsports in Lingen

 
 
Vom 6. - 15. April 1896 fanden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt. Die Teilnahme einer deutschen Mannschaft war lange Zeit umstritten. Konservativ-militaristische Kreise störten sich daran, daß Pierre de Coubertin, der Erneuerer der Olympischen Spiele, ein Franzose war, und die Deutsche Turnerschaft diffamierte den ''Sport'' als ''undeutsch, ungesund und sittenverrohend''. Schließlich kam doch eine Mannschaft mit 21 Athleten zustande. Einer der fünf Radrennfahrer, die der Bund Deutscher Radfahrer nominiert hatte, war Josef Rosemeyer aus Lingen (Ems). Er belegte im Bahnfahren über 2000 m und 10000 m jeweils den 4. Platz. Über 1 Runde (333,3 m) konnte er sich nicht im Vorderfeld platzieren, über 100 km gab er auf. Er war damit der beste der offiziell entsandten deutschen Radfahrer. Noch erfolgreicher war August Goedrich, der zunächst nicht der deutschen Olympiamannschaft angehört hatte. Er war per Anhalter und auf einem Schiff als blinder Passagier nach Athen getrampt. Im Marathon-Radfahren über 87 km belegte er den 2. Platz.

Josef Rosemeyers Nominierung für die Olympischen Spiele kam nicht von ungefähr. Er hatte 1895 auf deutschen Bahnen drei Rennen gewonnen, zweimal Platz zwei und viermal Platz drei belegt. In der Liste der besten und erfolgreichsten deutschen Herrenfahrer 1895 rangierte er an 23. Stelle. Der Bund Deutscher Radfahrer hatte ihn im August 1895 mit elf anderen Fahrern zu den 1. Weltmeisterschaften der Amateure in Köln gemeldet. Eine Zeitlang war Rosemeyer deutscher Rekordhalter im 100-km-Bahnfahren gewesen.

Josef Rosemeyer wurde am 13. März 1872 in Lingen geboren. Sein Vater Bernard Rosemeyer stammte aus Löningen und hatte 1875 an der Georgstraße eine Schlosserei eröffnet. Diese war spezialisiert auf feuer- und diebstahlsichere Geld-, Bücher- und Dokumentenschränke, Dezimalwaagen und Bohnenmühlen. Nach dem frühen Tod des Firmengründers im Jahre 1889 führte Josef Rosemeyer als ältester Sohn zusammen mit seiner Mutter den Betrieb weiter. Als neue Aktivitäten kamen jetzt der Verkauf von Fahrrädern und Motorrädern hinzu. Schließlich ging man auch zur eigenen Herstellung von Fahrrädern (Rex-Fahrräder) über. Aus der Maschinen- und Cassenschrankfabrik (1895) wurde die Fahrrad- und Geldschrankfabrik Bern. Rosemeyer (1897).

Parallel zum beruflichen und wirtschaftlichen Aufstieg verlief die sportliche Karriere Josef Rosemeyers. Dank seines Engagements war Lingen Ende des 19. Jahrhunderts eine der Hochburgen des Radsports in Nordwestdeutschland.

1891 oder 1892 - das genaue Jahr war nicht zu ermitteln - gründete Rosemeyer den Radfahrer-Verein Lingen. Solche Vereine entstanden damals in vielen deutschen Städten. In der näheren Umgebung gab es Radfahrer-Vereine z.B. in Leer, Papenburg, Quakenbrück, Freren, Nordhorn, Rheine, Emsdetten und Münster. Anfang März 1894 wurde der Bezirk Lingen im Gau II Bremen des Bundes Deutscher Radfahrer gegründet. Bezirksvorsitzender wurde Josef Rosemeyer, Schriftführer Th. Lietmeyer aus Freren und ''Fahrwart'' (Sportwart) Hermann Anger aus Lingen.

Mit Unterstützung zahlreicher auswärtiger Kampfrichter und Funktionäre führte der Radfahrer-Verein und der Bezirk Lingen am Sonntag, 14. Oktober 1894, ein großes Radfahrer-Fest durch. Auf der Chaussee Ramsel-Messingen fanden nachmittags in verschiedenen Kategorien Radrennen über 2000 m statt, bei denen Josef Rosemeyer, wie das Lingen'sche Wochenblatt berichtet, ''die besten Preise davontrug, obschon die Konkurrenz eine sehr scharfe war''. 64 Teilnehmer hatten zu diesen Wettkämpfen gemeldet. Beim abendlichen Festball zeigten Kunstradfahrer der Radfahrer-Veine Lingen, Quakenbrück, Oldenburg, Leer und Wilhelmshaven ihr Können. Die Attraktion der Veranstaltung war eine Kunstradfahrerin aus Leer, der für ihre Darbietung im gemischten Doppel ''gebührender Beifall gespendet wurde''.

Im folgenden Jahr entstand dank Rosemeyers Initiative und Einsatz auf dem Gelände zwischen Eisenbahn und altem Kanalarm hinter der Gaststätte ''Papiermühle'' (heute: Emslandhallen) eine Radrennbahn (333,3 m lang) mit überhöhten Kurven. Sie wurde vom Lingener Bauunternehmer W. Schmidt errichtet und am 19. Juni 1895 an den Radfahrer-Verein Lingen übergeben. Ursprünglich war die Wilhelmshöhe als Standort vorgesehen gewesen. Mit der neuen Radrennbahn hatte Lingen eine Attraktion, die es ''zum Centralpunkt aller sportlichen Veranstaltungen in hiesiger Gegend'' machte. Die nächsten Anlagen dieser Art gab es erst in Bremen und Duisburg. Wegen der günstigen Lage Lingens im Verkehrsnetz fand die neue Rennbahn einen guten Zuspruch. Der Bund Deutscher Radfahrer stiftete Ehrenpreise und übertrug dem Radfahrer-Verein Lingen die Ausrichtung von Meisterschaftsrennen.

Am 23. Juni 1895 wurde auf der neuen Rennbahn die erste große Radsportveranstaltung durchgeführt. Rennfahrer aus ganz Nord- und Westdeutschland, darunter auch einige Spitzenfahrer, fanden sich ein. Für die Sieger in den sieben Wettbewerben standen wertvolle Sach- und Ehrenpreise zur Verfügung. Das Interesse der Lingener Bevölkerung an dem noch nie dagewesenen ''Schauspiel'' war groß, so dass viele Zuschauer kamen. Abends fand im Hotel Lambers ein Gala-Saalfahren statt.

Die örtliche Presse lobte ''den glänzenden Verlauf'' des Radfahrerfests, für das man ''wohl hauptsächlich dem weitstrebenden und tatkräftigen Herrn Jos. Rosemeyer'' öffentlichen Dank auszusprechen habe. Vom abschließenden Ball wurde besonders hervorgehoben, dass wegen der vielen hier verbliebenen Fremden ''auch jede Dame Gelegenheit hatte, jeden Tanz zu tanzen, was sonst in unseren Mauern eine Seltenheit ist''. Weitere, international besetzte Radrennen fanden in diesem Jahr in Lingen noch am 11. August und 13. Oktober statt. Am 23. November führte der Radfahrer-Verein seine Vereinsmeisterschaften über 5000 m und 10000 m durch. Insgesamt acht Fahrer nahmen teil, darunter auch Josef Rosemeyers Bruder Wilhelm.

Die offensichtlich übereilt freigegebene Radsportanlage musste 1896 gründlich überholt werden. Der Besitzer der Papiermühle C. Veltwisch, Stadtbaumeister in Weimar, ließ den Platz innerhalb der Rennbahn planieren. Die Rennbahn selbst erhielt einen neuen, dauerhaften Belag aus Schlackenbeton. Die Tribünen wurden umgebaut. Wie im Vorjahr fanden 1896 drei gut besuchte Radrennen statt, 1897 und 1898 jeweils zwei.

Trotz seiner bemerkenswerten Aktivitäten konnte sich der Radfahrer-Verein, was die Mitgliederzahl und das öffentliche Ansehen anging, nicht mit den meisten anderen Lingener Vereinen messen. Das Lingen'sche Wochenblatt beklagte das ''hierorts eingewucherte Vorurteil'' gegen den Radfahrer-Verein. Dieser sei bestimmt von gleichem Nutzen für die Stadt als jeder andere Sportverein hier.

Im Jahre 1895 zählte der Verein 29 Mitglieder, darunter 10 aktive Radsportler. Zwar gelang es, für die Preisverteilung führende Behördenvertreter zu gewinnen, so etwa 1896 Landrat Franke, Eisenbahndirektor Hummell, Major Dettmers und Oberstleutnant Bütow (vom Bezirkskommando), doch die städtischen Honoratioren hielten sich zurück. Der Magistrat lehnte die Gesuche um die Stiftung von Ehrenpreisen regelmäßig ab. Offen unterstützt wurde der Radfahrer-Verein lediglich vom Lingen'schen Wochenblatt, das in zum Teil sehr ausführlichen Artikeln regelmäßig über das Vereinsleben und die Veranstaltungen auf der Radrennbahn berichtete.

Die Vorstandsmitglieder kamen überwiegend aus technischen Berufen. Ausnahmen waren der 1. Vorsitzende Hotelier Franz Lambers, zugleich Vereinswirt, und der 2. Vorsitzende Bäckermeister A. Anger sen., dessen Familie später eines der ersten Autos in Lingen besaß und eine Fahrschule eröffnete.

Natürlich bemühte sich der Radfahrer-Verein um eine breitere Basis. Zu Jahresbeginn fand regelmäßig ein Winterfest oder Maskenball mit vielen Atraktionen statt. Im Herbst 1895 führte man das Theaterstück ''Die Radfahrer von Purzelshausen'' (3 Akte) auf. 1897 wurde beschlossen, monatlich einen Vereinsabend für die Mitglieder zu halten. Im Sommer 1898 traf man sich zu Klubfahrten nach Rheine und Nordhorn. Dennoch waren die finanziellen Belastungen auf die Dauer zu hoch. Anfang 1898 verpachtet der Radfahrer-Verein Lingen seine Rennbahn an die Rex-Fahrrad-Fabrik, d.h. an Josef Rosemeyer. Fünf Monate später teilte der Vorstand mit, ''daß die Rennbahnangelegenheit, welche schon viel Kopfzerbrechen verursachte, für die Mitglieder vollständig erledigt sei''. Dies dürfte letztlich, auch wenn es nicht so klar gesagt wird, die völlige Trennung des Vereins von der Rennbahn bedeutet haben. 1898 fanden noch einmal zwei Radwettfahrten auf der ''Rennbahn bei der Papiermühle'' statt, jedoch ohne Spitzenfahrer und kostspielige Ehrenpreise. Dann wurde der Wettkampfbetrieb wahrscheinlich eingestellt. Jedenfalls fehlen fortan in der Presse die üblichen Hinweise auf die sportlichen Aktivitäten des Radfahrer-Vereins.

Es dürften allerdings nicht ausschließlich finanzielle Probleme gewesen sein, die zu einem Rückgang der Vereinsaktivitäten führten. Josef Rosemeyer hatte, wie im Lingener Volksboten angekündigt, bereits im Oktober 1895 seine sportliche Laufbahn beenden wollen. Beim Vereinsrennen am 23. November 1895 konnte er sich nur mit Mühe gegen die Konkurrenz behaupten, da er ''nicht trainiert'' war. Die Nominierung für die Olympischen Spiele veranlasste ihn dann wohl, seinen Entschluss zu revidieren. Beim Rennen um den Ehrenpreis des Bundes der Deutschen Radfahrer am 19. Juli 1896 bot er Revanche für seine Berufung in die Olympiamannschaft, um dann, ''wie schon im vorigen Jahr beschlossen, dem Rennsport Valet'' zu sagen; er nahm dann allerdings auch 1897 noch siegreich an den Rennen in Lingen teil.

Um diese Zeit bahnen sich jedoch bereits wichtige Veränderungen im beruflichen Leben Josef Rosemeyers an. 1897 begann die Firma Bern. Rosemeyer mit der eigenen Fahrrad-Herstellung. Gleichzeitig erfand Josef Rosemeyer als Autodidakt eine elektrische Bogenlampe, die er 1898 als Deutsches Reichspatent anmeldete. Aufgrund seiner weiterführenden Pläne schied er 1899 aus dem elterlichen Betrieb aus und zog im folgenden Jahr nach Köln. Dort verwertete er seine Erfindung und war Direktor der Regina-Bogenlampen-Fabrik in Köln-Sülz. Die Firma Bern. Rosemeyer in Lingen wurde von seinem Bruder Wilhelm Rosemeyer, der auch mehrfach mit Erfolg an den Radrennen in Lingen teilgenommen hatte, weitergeführt.

Josef Rosemeyer verstarb - wie sein Vater sehr früh - am 1. Dezember 1919 in Köln. Die Erfolge, die sein Neffe Bernd Rosemeyer als Autorennfahrer und Weltrekordler in den dreißiger Jahren errang, konnte er nicht mehr erleben. Über das weitere Schicksal des Radfahrer-Vereins Lingen sind keine Nachrichten überliefert.


Quellen: Stadtarchiv Lingen Nr. 1008; Lingener Volksbote 1895; Lingen'sches Wochenblatt 1894 - 1899. K.Lennartz / W.Teutenberg, Die deutsche Olympia-Mannschaft von 1896, Kassel 1992, S. 46. V. Kluge, Die Olympischen Spiele von 1896 - 1980, Berlin 1981, S. 10; W. Umminger, Die Chronik des Sports, Dortmund 1990, S. 174.


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems)