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Zeitungschronik – März 1920

3. März: „Wahl der Elternbeiräte. Das Unerhörte ist leider eingetreten. Neben der kath. Liste (Keßler) sind zwei Gegenlisten aufgestellt worden: Die Liste Lage von den Mehrheitssozialisten und die Liste Klapproth von den Unabhängigen. Das ist ein schwarzes Blatt in der sonst so ruhmvollen Geschichte der kath. Gemeinde Lingen. – Kath. Eltern, sorgt dafür, daß kein Gegner in die kath. Schule eindringt!“ (LV)

3. März: „Berichtigung. Ohne mein Wissen und Willen steht mein Name auf dem Wahlvorschlag Klapprott; ich bin nicht mal Mitglied der Partei. Klempner Bernhard Gößling“ (LV)

6. März: „Ich erkläre hiermit, daß mein Name ohne mein Wissen und Willen auf den Wahlvorschlag Klapprott gekommen ist, und daß ich nicht mehr Mitglied der U.S.P. bin. (…) Fritz Klapprott“ (LV)

6. März: „Wir (stellen) fest, daß sowohl Herr Gößling, wie auch Herr Klapproth ihre Unterschrift unter die Einverständniserklärung ohne Beeinflussung von irgendwelcher Seite eigenständig vollzogen haben. Obwohl wir wissen, mit welch fürcherlichem Gewissenszwang Leute (…) zum Umfall bewogen werden, sehen wir uns dennoch genötigt, den Herrn F. Klapproth aus der (…) Partei auszuschließen. (…) Unabhängige sozialdemokratische Partei, Ortsgruppe Lingen“ (LW)

10. März: „Lingen, 8. März. Die Beteiligung an der gestrigen Wahl zu den Elternbeiräten für die kath. Volksschule war eine ungemein rege. (…) Auf die Liste der kath. Elternvereinigung entfielen (…) 93%. Dieser kath. Liste standen anfänglich zwei sozialdemokratische Listen gegenüber: die des sozialdemokratischen Wahlvereins und die der U.-S.-P. Im Laufe des Wahlkampfes bröckelten beide Listen ab; es vereinigten sich dann die bis dahin feindlichen Brüder auf die Liste Lage. (…) Der ersten Schlacht auf dem Schulgebiete werden noch viele andere folgen.“ (LV)

13. März: „Am Mittwoch Abend hielt im Hotel Heeger der hiesige kath. wissenschaftl. Gymnasiastenverein (Ortsgruppe des Verbandes kath. Schüler höherer Lehranstalten ‚Neudeutschland‘) eine Versammlung ab. (…) Mit einem Hinweis auf das erste Stiftungsfest der Lingener Ortsgruppe am Sonntag, den 14. März (…) schloß (…) die erhebende Versammlung.“ (LV)

13. März: „Aus der französischen Gefangenschaft kehrten noch zurück: H. Barfuß, T. Fellechner, H. Tremann, H. Köster, östl. Stadtf., H. Köster, Georgstr. 33, H. Kuper, Kl. Rerscha, Fr. Risemann, W. Sawatzky, Fr. Schade, Otto Schmidt, H. Simmers, Schw., H. Willemsen.“ (LV)

16. März: „Die bisherige Reichsregierung ist gestürzt.“ (LW)

16. März: „Genau wie in den Novembertagen 1918 schwirren die unmöglichsten Gerüchte umher, werden die tollsten Erzählungen und Märchen geglaubt. U. a. soll unsere Einwohnerwehr schon alarmiert sein u. anderes mehr. Von alledem ist kein Wort wahr. Unsere Einwohnerwehr dient keinen politischen Zwecken und wird es sich auch verbitten, wenn man sie dazu mißbrauchen will. (…) Selbstverständliche Pflicht der Wehr ist es, daß sie in diesen Tagen politischer Hochspannung besonders acht gibt, daß von keiner Seite der Versuch unternommen wird, die Ruhe und Ordnung zu stören, daß insbesondere unsere Lebensmittellager gegen Beraubung gesichert werden.“ (LW)

16. März: „Auch die hiesige Eisenbahn-Hauptwerkstatt hat sich am Montag morgen dem Generalstreik angeschlossen. Die Arbeiter haben selbst eine Bewachung der Anlagen in die Hand genommen, um die Werke vor Sabotage oder ähnlichen Absichten zu schützen.“ (LW)

17. März: „Die Beamten und Arbeiter der hiesigen Eisenbahnwerkstätten haben sich seit Montag dem Generalstreik angeschlossen. Gestern abend fand auf der Wilhelmshöhe eine große öffentliche Versammlung statt, die Herr Müscher eröffnete. Herr Heintze gab dann die Verhaltungsmaßregeln für die Streiktage bekannt und forderte alle dringend auf, sich den Anordnungen des Streikbüros zu fügen und eventl. aufgetragene Posten gewissenhaft auszufüllen. Gleichzeitig ersuchte er, größere Ansammlungen auf den Straßen, die die Bürgerschaft beunruhigen könnten, zu unterlassen. Die Wiederaufnahme des Arbeit werde durch zweimaliges Werkstättensignal bekanntgegeben, vorher sollten sich jedoch die Streikenden zu einer Versammlung im Clublokal einfinden.“ (LV)

18. März: „Der bewaffnete Aufstand ist zusammengebrochen Der verfassungsmäßige Zustand ist wiederhergestellt. Bedingungslos hat Herr Kapp das von ihm angemaßte Amt des Reichskanzlers wieder aufgegeben“ (LW)

20. März: „19. März: Auf der hiesigen Hauptwerkstätte wurde heute die Arbeit wieder aufgenommen. – Die Eisenbahnzüge verkehren seit heute früh wieder wie früher.“ (LV)

20. März: „Wahnwitzige Papierpreise. 1000 Bogen Postpapier in Größe 46 mal 59 Zentimeter, aus dem sich 4 Quartblätter für Briefbogen oder Rechnungen schreiben lassen, kosteten im Frieden etwa 12 Mk. Jetzt werden 1000 Bogen mit 312 Mk. angeboten, die noch vor vier Wochen 120 Mark kosteten“ (LV)

31. März: „27. März. In der heutigen Delegiertenversammlung des hiesigen christl. Gewerkschaftskartells wurden unter anderen auch die Ursachen und Folgen des jüngsten Generalstreiks besprochen. Von den 12 Berufsverbänden, welche dem Ortskartell angeschlossen sind, haben 11 eine Beteiligung an dem Generalstreik abgelehnt. Seitens der Delegierten wurde dieses Verhalten gebilligt, weil eine Aufforderung des Gesamtverbandes der christl. Gewerkschaften zum Generalstreik nicht erfolgt sei. Beschlossen wurde, folgendes protokolarisch festzulegen: Wir stehen treu auf dem Boden der jetzigen Verfassung, verurteilen jeden Putsch, mag er von rechts oder links kommen.“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen.



Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv Lingen