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Zeitungschronik – Dezember 1918

4. Dez.: „Allgemeine Volksversammlung in Lingen am 1. Dezember 1918. Der Wahlverein der Anhänger und Freunde des Alten Zentrums hatte am Sonntag die Einwohner Lingens und seiner Umgebung zu einer großen Volksversammlung eingeladen. (…) Herr Präparandenlehrer Lindemann aus Dortmund führte u.a. folgendes aus: (…) Unsere Helden kehren jetzt zurück, (…) unbesiegt kehren sie zurück, nicht geschlagen. (…) Unter der neuen Regierung ist  nichts besser geworden. (…) Der einfache Polizeistaat ist in einen Diktaturstaat übergegangen. (…) Wir verlangen nach Wahlen zur Nationalversammlung. (…) Wir wollen die christliche Familie erhalten wissen. (…) Alle sozialdemokratischen Schriftsteller, die über die Ehe schreiben, verneinen die christliche Einehe und predigen die freie Liebe. (…) Auf dem Gebiete der christlichen Schule fordern wir die konfessionelle Schule. (…) Ein Christ, der es mit seiner Kirche ehrlich meint, kann nicht Sozialdemokrat sein. Der Sozialdemokrat bekämpft die Kirche bis zum äußersten.“ (LV)

5. Dez.: „Was die deutsche Wählerin wissen muß ueber sich selbst. (…) Nach vollendetem 20. Lebensjahre sollen von jetzt ab alle jungen Leute männlichen und weiblichen Geschlechts wahlberechtiogt sein. Werden sie dem auch entsprechen können? (…) Wer etwas nicht weiß, der muß fragen. An erfahrenen Leuten, die Antwort geben können, fehlt es wohl keinem Zwanzigjährigen, als da sind Eltern, Verwandte, gute Freunde, der Mann oder der Bräutigam. Keinem Zweifel unterliegt auch, daß oft ein weibliches Wesen von 20 Jahren gescheidter ist als mancher junger Mann von gleichem Alter.“ (LW)

7. Dez.: „Bei der Demobilmachung sollen die Heeresangehörigen möglichst an den Arbeitsplatz zurücktreten, den sie vor Kriegsausbruch inne hatten. (…) Die Arbeitgeber werden wiederholt ersucht, bei dem bei der Landkrankenkasse und dem Arbeiter- und Soldatenrate in Lingen eingerichteten Arbeitsnachweise die freien Stellen zur Anzeige zu bringen. Der Landrat“ (LW)

7. Dez.: „Ueber die sozialdemokratische Versammlung im Bahnhofshotel Nave wird uns berichtet: Der große Saal vermochte die Erschienenen kaum zu fassen. Kurz nach 8 Uhr erhielt der Referent, Schriftleiter Vesper-Osnabrück das Wort zu einem etwa zweistündigen Vortrage. Er schilderte in ruhiger und, wie anerkannt werden muß, in für einen Sozialdemokraten verhältnismäßig sachlicher Weise die Revolution, ihre Vorgeschichte und ihren Verlauf bis auf den heutigen Tag (…) Die Ausführungen des Redners (…) waren klug berechnet auf die hiesige Bevölkerung, die man sehr richtig als noch weit entfernt vom Sozialismus ansieht und darum auch nur vorsichtig anfassen darf. Das kam besonders in den Ausführungen über den Programmpunkt der Sozialdemokratie, der sehr viele der Anwesenden wohl am erheblichsten interessierte, betreffend Trennung von Kirche und Staat zum Ausdruck. (…) Durch diesen Vortrag hat die Sozialdemokratie in Lingen an Anhang gewonnen. (…) Setzt daher nicht sehr bald eine lebhafte Gegenpropaganda ein, so geht viel verloren.“ (LW)

12. Dez.: „Auf dem Wege zur Heimat passieren jetzt täglich Feldgraue unsere Stadt. Stille Freude ist auf allen Gesichtern zu lesen, daß es nun endlich vorbei ist mit der furchtbaren Kriegsarbeit und daß es wieder an die altgewohnte Arbeit geht. Unsere Stadt und ihre nähere Umgebung sind fast voll belegt mit Truppen, Tieren und Fuhrwerk.“ (LW)

19. Dez: „Was die deutsche Wählerin wissen muß. Eigentum. Das Kapitel vom Eigentum ist das knifflichste von allen, die im sozialen Leben erörtert worden sind. Die resolute Wählerin wird sagen: ‚Ich möchte wissen, was dabei knifflich sein soll. Was mein ist, das ist mein, und ich will keinem raten, sich daran zu vergreifen.‘ So sagt der schlichte Verstand. Aber die radikale soziale Lehre bestreitet eben das Recht auf Eigentum. (…) Jedes rechtliche Eigentum ist mit ehrlichem Arbeitsschweiß aufgebaut. (…) Darum ist es nicht Aufgabe des Staates, um jeden Preis zu sozialisieren. (…) So denkt die deutsche Wählerin, und danach wählt sie.“ (LW)

21. Dez: „Lingen, 19. Dez.: Heute nachmittag hielt hier das Inftr. Regiment 160, welches früher in Bonn seinen Standort hatte und vorerst in Lingen untergebracht wird, seinen feierlichen Einzug. Die Stadt, welche die Krieger schon seit 2 Wochen erwartet hatte, prangte im schönsten Flaggenschmuck. (…) Das Regiment 160 kommt nicht ganz freiwillig zu uns. Seine Friedensgarnison lag am schönen Rhein. Die Stadt Bonn aber ist vom Feinde besetzt. (…) Möge das Regiment, das in den 4 ½ Jahren des Weltkrieges stets in erster Front stand und über 100 Offiziere und 2000 Mannschaften verlor, sich hier bald heimisch fühlen.“ (LV)

24. Dez.: „In der gestrigen Generalversammlung des hiesigen Reichsvereins wurde einstimmig beschlossen, den Verein aufzulösen und der deutschen Volkspartei beizutreten. Es wurde eine Ortsgruppe Lingen gegründet.“ (LW)

25. Dez.: „Die Wahlen zur Nationalversammlung werden am Sonntag, den 19. Januar stattfinden. Wahlberechtigt sind alle Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet haben.“ (LV)

28. Dez.: „Da die große Gefahr besteht, daß durch Ungeziefer (Läuse) Seuchen (namentlich Flecktyphus) in die Familien gebracht werden, werden die heimkehrenden Krieger im Interesse ihrer Familien und der Heimatbevölkkerung dringend aufgefordert, sich gleich nach ihrem Eintreffen einer Entlausung zu unterziehen. Hierzu ist eine Einrichtung getroffen in der hiesigen Alber’schen Fabrik. (…) Der Magistrat. Der Arbeiter- uznd Soldatenrat.“ (LV)

28. Dez.: „Es ist wiederholt vorgekommen, daß die Landwirte einen zur Arbeit überwiesenen Kriegsgefangenen abschieben, ehe diese ordnunngsmäßig abgerufen werden. Dieses Verfahren (…) gefährdet den ordnungsmäßigen Abschub der Kriegsgefangenen, wodurch dem Deutschen Reiche Schwierigkeiten seitens der feindlichen Länder entstehen können. (…) Der Landrat. Der Kreisbauernrat.“ (LW)

31. Dez.: Am Sonnabend abend fand im Saale des Herrn Nave in Lingen eine von der Deutschen Demokratischen Partei einberufene Versammlung statt. (…) Dazu wird uns von anderer Seite geschrieben: Infolge ihrer ablehnenden Haltung nach rechts kann die demokr. Partei m.E. nicht in Frage kommen, der Sammelboden derjenigen Kreise unserer Stadt zu sein, die nicht zum Zentrum oder zur Sozialdemokratie gehören. Wir halten die Deutsche Volkspartei hierfür geeigneter. (…) Eine Ortsgruppe der Deutschen Volkspartei besteht bereits am Platze, eine weitere Gründung von Organisationen bürgerlicher Parteien würde eine bedauernswerte Zersplitterung bedeuten.“ (LW)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de



Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv