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Archivalie – Oktober 2014

Lingener Soldaten im Ersten Weltkrieg

Mit dem Eintritt Deutschlands in den Ersten Weltkrieg wurden alle wehrfähigen Männer zu den Waffen gerufen. Auch in Lingen mussten sich fortan alle Männer zwischen 18 und 45 Jahren je nach Geburtsjahrgang zu den nun regelmäßig stattfindenden Musterungen einfinden. Zu erscheinen hatten sie pünktlich, mit rein gewaschenem Körper und in nicht angetrunkenem Zustand. Der Ausschank alkoholischer Getränke war an den Tagen der Kriegsmusterung verboten.
 
Lingener Soldaten dienten bei den Jägern, den Schützen, in den Maschinengewehrtruppen und im Landsturm-Infanterie-Regiment 77. Auch Marine-Offiziere wurden im Oktober 1914 eingezogen und direkt nach Wilhelmshaven abgesandt. Die meisten Lingener Soldaten aber gehörten zur 19. Reserve-Division, nämlich zum Reserve-Infanterie-Regiment 78, insbesondere aber zum Reserve-Infanterie-Regiment 92. Dessen drittes Bataillon wurde in Lingen zusammengestellt. Bereits am 12. August 1914 erfolgte – feierlich auf dem Marktplatz zelebriert – der Ausmarsch des dritten Bataillons.

Durch Feldpostbriefe konnten die Soldaten den Kontakt zu ihren Familien aufrechterhalten, doch nahm die Zustellung oftmals eine beunruhigend lange Zeit in Anspruch. Zudem wurde der Postbetrieb durch häufig unrichtig oder undeutlich adressierte Briefe behindert. Im Falle einer Verwundung oder Erkrankung jedoch sollten die Familien sofort per Telegramm benachrichtigt werden. Im Hotel Heskamp hingen öffentlich Karten aus, auf denen der Kriegsverlauf dokumentiert wurde. Außerdem wurden im Magistratsbüro des Stadthauses die aktuellen Verlustlisten ausgehängt.

In einem Feldpostbrief schreibt ein Lingener Sanitätsunteroffizier von seinen ersten Kriegserlebnissen im belgischen Charleroi. Er berichtet von erbitterten Straßenkämpfen mit Maschinengewehren und Kanonen. Nach dem Gefecht „lagen die Leichen der Elenden zu Hunderten auf der Straße. (…) Ohne Erbarmen wurde jetzt alles, was sich in den Weg stellte, durchsucht und angesteckt, und die auf uns geschossen hatten, gefesselt und am nächsten Tage erschossen.“

E. Detfurth schildert seine Erlebnisse im Reserve-Infanterie-Regiment 92 während der Kämpfe in dem französischen Dorf Perthes-lès-Hurlus etwa 40 km östlich von Reims. Den „Hexenkessel bei Perthes“ nennt er es. Mitte Februar 1915 wurde das Regiment durch frisch eingezogene Soldaten aus Osnabrück verstärkt, die nun versuchten, das Lager zu erreichen. „Dort, keine 200 m vor unsern Augen, hob sich in ihrer Nähe eine gewaltige Erdfontäne. Ein schwerer englischer Koloß war eingeschlagen. (…) Wir eilten sofort zu Hilfe. Dem einen war die Nase glatt abgeschnitten. Er wurde verbunden und konnte am nächsten Tage die Heimreise antreten, um die wir ihn beneideten.“ Die Zahl der Verwundeten war hoch. „Die Ärzte arbeiten im Schweiße ihres Angesichtes: Die Ärmel bis an die Schultern hochgekrempelt, die Arme wie in Blut getaucht. (…) Bei manchen winkt der Arzt ab, die Sanitäter legen ihn schweigend vor die Hütte: zu spät!“ Unter dem ständigen Beschuss durch Maschinengewehre war eine Bergung der Toten nicht möglich. „Hier und da ragt ein Bein, ein Arm heraus. Der Befehl, die verschütteten Toten darin zu belassen, klingt hart, ist aber notwendig.“ Schließlich wurden die Kompanien von dem einzigen noch lebenden Offizier geführt: „Leutnant Qu. aus Lingen“. Im Laufe des Krieges wurde Perthes-lès-Hurlus weitgehend zerstört.

Nach Kriegsende hatte die Stadt Lingen nach ersten städtischen Recherchen 182 Gefallene zu beklagen, tatsächlich dürften es aber 227 gewesen sein. Unter den zusammengetragenen Personennamen finden sich mit Alfred Cohen, Max Markreich sowie Hermann und Eduard Hanauer auch vier jüdische Gefallene. Im Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges nimmt die städtische Jugendherberge einen zentralen Platz ein. Am 1. Dezember 1929 auf dem Bögen eingeweiht, sollte sie an die Gefallenen erinnern. Außen verkündete eine Inschrift über dem Eingang „Deutsche Jugend gedenke der Opfer des Weltkrieges“. Im Innern wurden die Namen der von der Stadt ermittelten und von der Bevölkerung ergänzten Gefallenen auf einer Gedenktafel genannt. Seit 1934 erinnert ein Mahnmal auf dem Alten Friedhof an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

Die Ausstellung „Lingen im Ersten Weltkrieg“ kann noch bis zum 31. Oktober in den Räumen des Stadtarchivs besucht werden.

Lingener Gefallene des Ersten Weltkrieges

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
  • Stadtarchiv Lingen, Lingener Volksbote.
  • Stadtarchiv Lingen, Lingensches Wochenblatt.
  • Stadtarchiv Lingen, Nachlass Alois Hoffmann, Nr. 364.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv