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Archivalie – November 2016

Das Leben einer Archivalie

Das Emslandstadion in Lingen blickt auf eine über 50jährige Geschichte zurück. Im Mai 1963 wurde es nach fast dreijähriger Bauzeit feierlich eingeweiht. Der Bau und die weitere Geschichte des Stadions sollen hier aber nicht weiter interessieren. Vielmehr geht es um die Akte, in der die Anfänge des Stadions dokumentiert sind. Einen Fachbereich Schule und Sport gab es damals noch nicht. Zuständig für Sportangelegenheiten war die Sozial- und Gesundheitsverwaltung (heute „Jugend, Arbeit und Soziales“). Und hier wurde die Akte auch angelegt. Als die Zuständigkeit für Sport später dem Fachbereich Kultur übertragen wurde, wechselte auch die Akte ihren Standort: Sie kam ins Kulturamt. Dort wurde sie bald nicht mehr gebraucht.

Kein städtisches Amt darf seine Akten und Unterlagen einfach vernichten. Jedes Amt ist verpflichtet, die für die Verwaltungsarbeit nicht mehr benötigten Akten vorher dem Stadtarchiv anzubieten. Dem Kulturamt war das natürlich bekannt. Das Stadtarchiv übernahm nicht sämtliche angebotene Akten. Dazu reichen seine Magazinräume auch gar nicht aus. Es bewertete nur eine kleine Auswahl – in der Regel sind es etwa fünf Prozent – als archivwürdig und für die Nachwelt erhaltenswert. Unter den Auserwählten war auch die Akte über den Bau des Emslandstadions.

So wie sie ist, kann die Akte aber nicht bleiben. Aufrecht stehend in einem verstaubten Aktenordner und voll von rostendem Metall würde sie nicht sehr lange überleben. Zunächst wird sie deshalb entmetallisiert. Büroklammern, Tackernadeln und Heftschnallen werden entfernt. Dann erfolgt die Umbettung. Die Akte wird in eine neue Mappe aus säurefreiem Papier geheftet. Zusammen mit anderen Akten kommt sie in einen – natürlich ebenfalls säurefreien – Archivkarton, und der wird im Magazin des Stadtarchivs eingelagert. So kann die Akte problemlos die nächsten hundert Jahre überstehen.

Vorausgesetzt natürlich, die äußeren Bedingungen stimmen. Zu große Klimaschwankungen und Klimaextreme können die Akten beschädigen. Im schlimmsten Fall entwickelt sich Schimmel, und die Akte – oder was von ihr übrig ist – muss aufwändig restauriert werden. Am wohlsten fühlen sich Akten bei einer Luftfeuchtigkeit von etwa 50 Prozent und einer Temperatur von 15° bis 18° Celsius.

Für die Sicherheit der Akte wäre damit gesorgt. Nur irgendwie wiederfinden muss man sie noch. Jedes Archiv hat eine eigene Tektonik, also eine Struktur der Bestände, in denen die einzelnen Archivalien abgelegt werden. Im Stadtarchiv Lingen sind alle Bestände jeweils einem von fünf Tektonikpunkten zugeordnet, nämlich „Altes Archiv“ (mit der alten Überlieferung seit dem 16. Jahrhundert), „Stadt Lingen“ (mit der Überlieferung der Stadtverwaltung), „Ortsteile“, „Nichtamtliches Archivgut“ (mit Abgaben und Nachlässen von Firmen, Vereinen und Privatpersonen) und „Archivische Sammlungen“ (etwa Fotos, Karten und Zeitungen). Sammlungen ausgenommen, werden die Bestände in der Regel nach dem Provenienzprinzip gebildet: Alles, was von derselben Institution oder Person abgegeben wurde, kommt auch in denselben Bestand. Die Akte über das Emslandstadion gehört also in den Bestand „FB Kultur“ unter dem Tektonikpunkt „Stadt Lingen“.

Die Akten eines Bestandes werden in einem Findbuch verzeichnet. Dort bekommt die Akte einen Titel, und auch die Laufzeit der Akte wird angegeben. Außerdem wird der Akte eine Signatur zugewiesen. Bei unserer Akte ist es die Nummer 90. Bestand und Signatur werden auch auf der Akte selbst vermerkt, und so lässt sie sich jederzeit wiederfinden. Was früher durch richtige Bücher (mit zum Teil bemerkenswerten Ausmaßen) geschah, das wird heute mit einem Verzeichnungsprogramm erledigt. Im Stadtarchiv Lingen kommt die Archivsoftware „Arcinsys“ zum Einsatz. Hier finden sich alle Findbücher des Archivs, und da Arcinsys auch online zugänglich ist (www.arcinsys.niedersachsen.de), kann jeder Interessierte dort ohne Anmeldung selber recherchieren. Viele Archivalien sind bisher aber auch noch unverzeichnet.

Grundsätzlich hat jeder das Recht, die Archivalien des Stadtarchivs einzusehen. Allerdings muss oft eine Schutzfrist beachtet werden. Die beträgt in der Regel 30 Jahre. Alle Akten, die vor 1986 entstanden sind, stehen also frei zur Verfügung. Vor allem bei personenrelevanten Akten sind die Fristen aber aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes mitunter deutlich länger. Bei unserer Akte ist das nicht der Fall. Ihre Schutzfristen sind längst abgelaufen.
Wer also mehr über den Bau der Emslandarena erfahren möchte, der kann die Akte im Lesesaal des Stadtarchivs über die Signatur „FB Kultur, Nr. 90“ bestellen. Schließlich ist sie etwas Besonderes. Nur wenige Akten sind historisch so wichtig, dass sie ihren Weg ins Stadtarchiv finden. Und noch weniger Akten haben das Glück, einmal Archivalie des Monats zu werden.

Am 6. November 1986, also vor nunmehr genau dreißig Jahren, öffnete das Stadtarchiv zum ersten Mal seine Türen. Eine kleine Ausstellung in den Räumen des Stadtarchivs beleuchtet noch bis Ende des Jahres seine Geschichte und stellt auch die Frage, was eigentlich mit den Archivalien geschah, als es noch kein Stadtarchiv in Lingen gab.

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Lingen, FB Kultur, Nr. 90.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv, Stadtarchiv, Stadtarchiv, Stadtarchiv