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Archivalie – November 2015

Katze und Eule

1632 begann man mit der Schleifung der Lingener Festung. Bis 1638 wurde auch der Wassergraben zwischen Burg und Stadt aufgefüllt. So entstand neues Bauland, und Lingen erlebte einen wahren Bauboom. Eines der nun entstehenden Gebäude war das sogenannte Haus Hellmann, dass – 1641 errichtet – einem in Lingen einmaligen Baustil folgte. Zweifellos war der Bauherr vermögend. Er kam wohl von auswärts und hat sich auch auswärtiger Handwerker bedient. Dabei befindet sich das Haus heute durchaus nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand. Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Fenster im Obergeschoss vergrößert, 1960 die Schaufenster im Erdgeschoss eingebaut.

Die Inschriften in niederdeutscher und lateinischer Sprache aber sind original. So verkünden die Worte auf der Schwelle des Obergeschosses: „WIE STEHEST DV NARRE VND MEISTERST MICH VIEL - JCH BEZIMMER MEINE HAVSTEDE SO WEIT ALS ICH ES HABEN WIL“ Hinter dem Bau des eigenwilligen Gebäudes stand also offenbar ein selbstbewusster Bauherr. Doch es ist auf derselben Schwelle noch Platz für einen zweiten Spruch: „WER HIR WIL BORGEN VND NICT BEZALEN BLEIBT EHR ZV HAVS MAN SAL IM NICHT HOLEN“. Hier scheint die norddeutsche Herkunft des Bauherrn durchzuschimmern. Darauf verweist das Wort „sal“ für „soll“. Auch der Reim „bezahlen“ auf „holen“ hätte im Norddeutschen mit „betalen“ auf „halen“ eindeutig besser funktioniert.

Die zweite Schwelle im Giebelgeschoss ist deutlich breiter. Sie bietet nicht nur Raum für zehn große eingeschnitzte und kolorierte Rosetten, sondern lässt auch noch Platz für eine zweizeilige Inschrift. „HER STRECKE AVS DEINE HAND VND BEWARE DIT HAVS VOR VNGLVCK VND BRANDT“. Nach diesem ersten folgen zwei lateinische Sinnsprüche. „SVSTINET SUSTINVIT ET SVSTINEBIT ME DEXTRA JEHOVÆ” („Es erhält, hat erhalten und wird erhalten mich die rechte Hand Jehovas.“) und „HOSPITY RECTOR SEMPER SIT LA[E]TUS VT RECTOR VT JOB SIT PATIENTIS” („Möge der Gastherr immer fröhlich sein, damit er wie Hiob geduldig sei.“) Mit einem weiteren lateinischen Spruch geht es in der zweiten Zeile dann weiter: „DEO DANTE NIHIL VALET INVIDIA ET DEO NON DANTE NIHIL VAL[E]T LABOR NEC INDVSTRIA” („Wenn Gott gibt, kann Neid nichts ausrichten. Und wenn Gott nichts gibt, können Arbeit und Fleiß nichts ausrichten.“). In deutscher Sprache folgen dann noch zwei Sätze: „IN LEIDEN STILLE IS GOTTES WILLE“ und „STILLE VND VNVERMESSEN VERGVNNET BRODT WIRT VIEL GEGESSEN“. Abgeschlossen wird die zweite Zeile dann schließlich mit der Nennung des Baujahres „1641“.

Der Mittelständer über der zweiten Schwelle zeigt schließlich die Abbildungen von Katze und Eule, umrahmt von dem Spruch: „Ule Ule wat deist du mit min Spis in din Mule – Katte du Salt Weten Vergunt Brodt wirdt Viel Geten.“ („Eule, Eule, was tust du mit meiner Speise in deinem Maule? Katze, du sollst wissen: Mißgönntes Brot wird viel gegessen!“). Dieser letzte Spruch findet eine erstaunliche Paralelle in der Stadt Leer. Hier standen sich zwei konkurrierende Bäckerhäuser einander gegenüber. Sie trugen die Inschriften „Uleule“ und „Kattekatte“ und zeigten eine Katze sowie eine Eule mit Maus im Schnabel. Kam der Erbauer des Hauses also aus Leer? Oder aus Osnabrück, wo sich Häuser ganz ähnlichen Stils finden? Die niederdeutschen Inschriften verweisen immerhin auf norddeutsche Herkunft.

Nicht nur die Herkunft, auch der Name des Bauherrn ist bis heute unbekannt. Seit den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts befindet sich das Haus im Besitz der Familie Hellmann, davor gehörte es seit etwa 1822 der Familie Rogge. Vor ihnen wohnte hier die Familie Wilmes. Der Fleischhauer und Lingener Bürger Johan Wilm Wilmes hatte das Haus 1745 von dem Meppener Richter Laurentz Wyntjes gekauft, auf den das Haus als Erbe gekommen war. Sein Vorfahre Jodocus Wyntjes kaufte das Fachwerkhaus am 23. Juni 1706 von Henrich Veltman aus Raming und seiner Frau Engele. Sie sind die frühesten nachweisbaren Eigentümer. Stammte auch der Erbauer aus der Familie Veltmann? Henrich Veltmanns Eltern waren die 1686 belegbaren Henrich und Grete Veltmann oder schlicht Velt. Ein Gert Velt und ein Johan Velt erlangten vor 1635 das Lingener Bürgerrecht. Doch ob sie je Eigentümer des Hauses waren, ist unbekannt.

Ulli Brinker, der Fotograf des Farbfotos, fotografiert nicht nur Lingener Häuserfronten. Im Rahmen der Herbstvorträge des Stadtarchivs hält er am 26. November um 19:00 Uhr im Professorenhaus einen Fotovortrag über Korsika. Der Eintritt ist frei.

Quellen und Literatur:

  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 538, Nr. 1406, Nr. 1406a, Nr. 3084.
  • Stadtarchiv Lingen, Bestand Brinker.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 14215.
  • Stadtarchiv Lingen, Genealogische Sammlung, Nr. 26 (Einträge 192, 208, 260 und 426).
  • Stadtarchiv Lingen, Neue Volksblätter, Ausgabe vom 5.9.1939.
  • Stadtarchiv Lingen, Sammlung Häuserbuch.
  • Köster, Baldur: Lingen. Architektur im Wandel von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis um 1930), München/Berlin 1988.
  • Nöldeke, Arnold: Die Kunstdenkmale des Kreises Lingen und Grafschaft Bentheim (Kunstdenkmälerinventare Niedersachsens 41), Osnabrück 1978.
  • Schröter, Hermann: Das Bürgerbuch der Stadt Lingen 1602-1809, Lingen-Ems 1953.
  • Taubken, Hans: Niederdeutsch, Niederländisch, Hochdeutsch. Die Geschichte der Schriftsprache in der Stadt und in der ehemaligen Grafschaft Lingen vom 16. bis zum 19. Jahrundert (Niederdeutsche Studien 29), Köln/Wien 1981.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv