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Archivalie – Juni 2016

Die Lingener Lehnsübertragung von 1526

Vor fünfhundert Jahren waren die Beziehungen zwischen Münster und Lingen nicht sonderlich gut. Tatsächlich ließ sich von Lingen aus der Emsverkehr zwischen Ober- und Niederstift Münster empflindlich stören. Weil – so der Vorwurf – Nikolaus von Tecklenburg, der Herr der Grafschaft Lingen, die westfälischen Kaufleute berauben würde, fiel der Bischof von Münster schließlich in die Grafschaft ein. Er bediente sich dabei einer List, die er offenbar den Homerischen Epen entlehnt hatte. Am 6. November 1518 kam ein Bote des Bischofs mit einem geschlossenen Kastenwagen nach Lingen und passierte das Stadttor. In der Stadt angekommen, sprangen plötzlich Fußknechte aus dem Wagen, überwältigten den Pförtner und ließen den Bischof und seine Männer Stadt und Burg besetzen.

Nur knapp konnte Nikolaus entkommen. Er floh an den Hof des Herzogs von Kleve, der nun drohte, militärisch einzugreifen, und so tatsächlich den Abzug des Bischofs von Münster aus Lingen erzwingen konnte. Selbst das münsterische Domkapitel drängte schließlich auf die Freigabe von Lingen. Ein gutes Jahr lang hatte Lingen damit unter münsterischer Besatzung gestanden. 1520 wurde Nikolaus wieder in seine alten Rechte eingesetzt. Doch kam es zu Differenzen bei der Rückgabe des Beuteguts, durch die sich Nikolaus schließlich berechtigt sah, erneut münsterische Kaufleute zu überfallen.

Damit eskalierte die Lage erneut. Nikolaus wurde von Kaiser Karl V. ermahnt, verlor daraufhin die Unterstützung des Herzogs von Kleve und brauchte plötzlich einen neuen Verbündeten. Er fand ihn in seinem Onkel, dem Herzog Karl Egmond von Geldern. Dessen Unterstützung sicherte er sich allerdings mit einem ziemlich radikalen Schritt. Er unterstellte sich ihm als Vasall und trug ihm die Grafschaft Lingen als Lehen auf. Streng genommen durfte er das gar nicht, denn vertraglich war er gar nicht der Besitzer der Grafschaft, sondern lediglich nutzungsberechtigt.

Dennoch – am 24. Mai 1526, vor gut 490 Jahren also, wurde die Lehnsübertragung durch den Herzog von Geldern beurkundet. Überliefert ist eine Abschrift in dem 1628 angelegten Stadtbuch von Lingen. Dort heißt es übersetzt: „Wir, Karl, von Gottes Gnaden Herzog von Geldern, von Jülich und Graf zu Zutphen, tuen kund, dass sich der wohlgeborene und edele, unser lieber Neffe Claes (=Nikolaus) zu Tecklenburg mit seiner lieben Stadt, seinem Schloss, seiner Landschaft und Herrlichkeit von Lingen uns und unserer Landschaft, unserem Fürstentum und unserer Graftschaft angeschlossen (…) und erblich und ewig mit derselben verbunden und vereinigt (…) hat, sodass seine Lieben und sein Drost dort uns nun huldigen und Eide geleistet haben. Und auch seine lieben Erben, die später auf dem Hause sitzen, sollen gegenüber uns und unseren Erben und Nachkommen dies zu tun gehalten sein – wobei unserem Neffen und seinen Erben und Nachfahren vorbehalten sei (…), dass sie die Herrlichkeit (= die Grafschaft Lingen) als eine freie Grafschaft behalten und haben sollen.“

Das bedeutete nichts anderes, als dass die Grafschaft Lingen fortan dem Herzog von Geldern unterstand, nur dass Nikolaus nominell den Grafentitel behalten durfte. Ein solches Angebot erforderte natürlich eine entsprechende Gegenleistung, und also sagte der Herzog zu, „dass wir unseren Neffen mitsamt Stadt, Schloss und Herrlichkeit in unsere besondere Protektion und Beschirmung genommen und ihm zugesagt und gelobt haben (…), ihn vor Gewalt (…) nach seinem Recht zu verteidigen und zu beschirmen, soweit es in unserer Macht steht, und unser Land und unsere Leute dabei einsetzen.“

Der Herzog von Geldern versprach also militärische Unterstützung, bat sich im Weiteren allerdings aus, dass, falls es zwischen ihm und dem Herzog von Kleve, Nikolaus’ einstigem Verbündeten, zum Friedenschluss kommen sollte, Nikolaus bitte „still sitzen möge“, um den Frieden nicht zu beschädigen. Und schließlich sagte er zu, dass wenn er eine Rotte oder einige Knechte nach Lingen schicken würde, diese sich selbst zu verpflegen hätten, sodass Nikolaus keine Unkosten daraus entstünden. Soweit also der Vertrag.

Aber war es wirklich eine gute Idee von Nikolaus, die Grafschaft Lingen aufzugeben? Nun, letztlich hat er mit der Lehnsaufgabe sein Ziel erreicht. Zwar versuchte Burgund, die Durchsetzung des Vertrages zu verhindern, und zeigte dabei eine solche Gewaltbereitschaft, dass zwei Jahre später ein Einmarsch burgundischer Truppen zu befürchten war. Der Bischof von Münster aber zog sich aus Angst vor einem Krieg mit dem Herzog von Geldern tatsächlich zurück.

Quellen und Literatur:

  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 5390.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
  • Ehbrecht, Wilfried: Lingens städtische Entwicklung im Spätmittelalter, in: Remling, Ludwig (Hg.): Im Bannkreis Habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. Und 16. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), Bielefeld 1997, S. 11-50.
  • Ehbrecht, Wilfried: Zur politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des tecklenburgischen Amtssitzes, in: Ehbrecht, Wilfried (Hg.): Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, Lingen (Ems) 1975, S. 42-53.
  • Homann, Hans-Dieter: Lingen im Zeitalter der Glaubenskämpfe (1493-1702), in: Ehbrecht, Wilfried (Hg.): Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, Lingen (Ems) 1975, S. 54-81.
  • Hunsche, Friedrich Ernst: Geschichte des Kreises Tecklenburg, in: Theiss, Konrad (Hg.): Der Kreis Tecklenburg, Stuttgart/Aalen 1973, S. 64-103.
  • Mohrmann, Wolf-Dieter: Die Grafschaft Lingen in der Politik Kaiser Karls V., in: Remling, Ludwig (Hg.): Im Bannkreis Habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. Und 16. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), Bielefeld 1997, S. 51-80.
  • Remling, Ludwig: Stadt, Kirche und Landesherr im frühneuzeitlichen Lingen, in: Remling, Ludwig (Hg.): Im Bannkreis Habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. und 16. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), Bielefeld 1997, S. 81-128.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv