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Archivalie – Juli 2018

Das Hotel Hüvett in der Burgstraße

Das Hotel Hüvett um 1905. Das Automobil (mit spiegelverkehrtem Nummernschild!) geht auf eine nachträgliche Bearbeitung zurück.

Die Lingener Burgstraße kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie erscheint bereits auf dem um 1560 von Jacob van Deventer erstellten Stadtplan. Die Burgstraße folgt dort dem Burggraben, der Stadt und Burganlage voneinander trennt, und ist entsprechend nur einseitig bebaut. Ab 1632 wird die Burganlage aber geschleift, und damit ist nun auch die Südostseite der Burgstraße bebaubar. Das gilt auch für das Grundstück der heutigen Burgstraße 15, obwohl das Beginn der ältesten Bebauung unbekannt ist.
 
Auf dem Grundstück stehen zwei Häuser. Das westliche Haus gehört ursprünglich zur Eyck (ca. 1727-1732) und der Witwe zur Eyck (ca. 1733-1758). Sie betreiben in der Burgstraße 7 die holländisch-hamburgische Postmeisterei und können die Burgstraße 15 entsprechend verpachten, so etwa an Gerh. Holt (ca. 1927) oder den Tabaksfabrikanten und Fuselbrenner Mauritz Möller (ca. 1729-1748). Besteuert wird es ab 1748 als „großes Haus“. Von Schomeyer (ca. 1764-1778) geht das Haus auf Meyer (ca. 1781-1790) über, der hier die Gastwirtschaft „zur Sonne“ betreibt.
 
Engelina Meyer (*1765, +1824) heiratet 1794 Hermann Hüvett (*1749, +1829), einen Sohn vom Hof Hüvett in Hüvede, sodass dieser schließlich die Gastwirtschaft fortsetzt (ca. 1795-1829). Neben dem Ehepaar wohnen hier 1810 auch die vier Söhne Johann Hermann, Heinrich, Clemens und Bernard sowie die 60jährige An. Maria Schomeyer, der 39jährige Kaufmann Joh. Heinrich Meyer und die 26jährige Elisabeth Meyer. Schließlich übernimmt der älteste Sohn Johann Hermann Hüvett das Hotel. 1822 heiratet er Maria Christina Smits und errichtet im selben Jahr einen zweigeschossigen Neubau. Aus dem Gasthof „zur Sonne“ wird das Hotel Hüvett. 1828 wird ein Saal angebaut.
 
In dem östlichen Haus wohnt zunächst der Bierzapfer Claes Nibberich (ca. 1727-1742), dann der Kramer, Gastwirt und Schuster Johan Rademaker (ca. 1748-1785). Danach bleibt das Haus in der Familie Rademaker. So erscheinen 1810 der 48jährige Gastwirt Bernd Heinrich Rademaker und seine Schwestern, die 62jährige Anna Maria und die 59jährige Elisabeth Margaret mit ihrer Dienstmagd Elisabeth Waal als Bewohner. Von den Erben Rademaker kauft 1844 der Gastwirt Johann Hermann Hüvett (ca. 1844-1858) das Haus. Er richtet es als Stallgebäude ein. Die Geschichte beider Häuser ist damit vereint.

Johann Hermann Hüvett stirbt 1865. Das Hotel wird von dem einzigen Sohn Johann Hermann Heinrich Hüvett (*1825, +1887) gemeinsam mit seinen Schwestern Helene (*1829, +1910) und Elisabeth (*1831, +1900) weitergeführt. 1869 erwirbt Heinrich Hüvett außerdem das Nachbarhaus Burgstr. 17. Sein Sohn Hermann Hüvett (*1881, +1971) setzt den Hotelbetrieb nicht fort, und das Haus wird noch vor 1900 an Anton Heeger (ca. 1890-1905) verkauft. So sind hier neben Anton Heeger 1893/94 außerdem eine Köchin, zwei Lehrmädchen, zwei Mägde, ein Kellner und ein Hausknecht gemeldet.
 
Aus dem Hotel Hüvett wird schließlich das Hotel Heeger. Nach Antons Tod führt die Witwe Clementine Heeger geb. Stapel das Hotel fort (ca. 1907-1938). Auch ihre Töchter Martha (ca. 1925), Elisabeth, Maria und Clementine (ca. 1925-1938) lassen sich nun nachweisen. Später sind die Gastwirte Josef Hülsmann (ca. 1950/51) und Josef Hagspihl (ca. 1959-1965) belegt.
 
Durch den Zweiten Weltkrieg und die Besatzung kommt der Hotelbetrieb vollständig zum Erliegen. Die Geschwister Heeger verpachten deshalb ihr Hotelgrundstück ab März 1947 dem Bonifatiushospital. Das Hospital wiederum stellt es ohne weitere Kosten dem Kolpinghaus zur Verfügung. Die Hoffnung des Krankenhauses, das Gebäude erwerben zu können erfüllen sich nicht, sodass der Pachtvertrag schließlich im März 1973 ausläuft.
 
Ein neues Kolpinghaus wird im April 1975 auf dem Gelände Burgstraße 25 eingeweiht, auf dem einst der Vorgänger der Bonifatiuskirche gestanden hatte. Die Burgstraße 15 wird 1976 abgerissen und neu errichtet. Eigentümerin war nach Auskunft der Adressbücher 1970/71 noch Clementine Heeger, 1978 ist es schließlich die Brandkasse Provinzial Hannover.
 
Die LBS Bausparkasse (seit ca. 1982), die VGH Versicherungsgruppe Hannover (ca. 1982-1995), die Norddeutsche Landesbank (ca. 1982-1985) und die Landesbausparkasse (ca. 1985) haben hier ebenso ihren Sitz wie etwa das Schuh-Atelier von Robert von der Burg (ca. 1982), das Damenmodegeschäft Korte (ca. 1987-1991), die Rechtsanwaltskanzlei Egbers + Partner (seit ca. 2002), das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (seit ca. 2002), ein Kfz-Sachverständigenbüro (ca. 2002-2007) und das Bürgerbüro der Lingener SPD.
 
Die diesjährige Ausstellung im Stadtarchiv beleuchtet seit März die Geschichte der Burgstraße und ihrer Bewohner zwischen Marienstraße und Promenade. Ein Besuch ist zu den Öffnungszeiten des Lesesaals eintrittsfrei möglich.

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 2968, Nr. 4759.
  • Adressbücher der Stadt Lingen, 1925-2014/15.
  • Altmeppen, Johannes e.a.: Einweihung des Pfarrzentrums und Kolpinghauses Lingen (Ems), Lingen 1975.
  • Eiynck, Andreas: Das Hotel Hüvett. Ein vergessenes Kapitel Lingener Geschichte, in: Kivelingszeitung 2014, S. 195-201.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv