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Archivalie – August 2016

Die Textilfabrik Langschmidt & Sohn

Wie nur wenige andere Unternehmen in Lingen steht die Textilfabrik Langschmidt & Sohn für die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Gegründet wurde sie 1826 von dem damals gut 38-jährigen Ludwig Langschmidt und seinem Partner Aue am Mühlenbach in Reuschberge. Nach dem Ausstieg Aues wurde die Fabrik von Jütting (1842-1947), dann von Klaue (1847-1859) geleitet. Ihm folgte Ludwig Narjes. Produziert wurde zunächst Coating, ein langhaariger Wollstoff, der besonders für die Herstellung von Wintermänteln verwendet wurde. Durch den Einsatz einer Dampfmaschine von 15 PS (später 18 PS) ließ sich ab 1857 die Produktionsmenge verdreifachen, und das Angebot wurde um Flanell, Molton und Düffel erweitert. Die Wolle bezog man vor allem aus Deutschland, aber auch aus Belgien, Australien, Argentinien und der südafrikanischen Kapkolonie. Die Anlieferung erfolgte insbesondere mit der Bahn, die seit 1856 auch durch Lingen fuhr. Die fertigen Textilien fanden in ganz Deutschland Absatz.

Vor der Einführung der Dampfmaschine 1857 wurden die Maschinen mit Wasser aus dem Mühlenbach angetrieben. Dazu hatte Langschmidt die Berechtigung erworben, im Mühlenbach ein Stauwerk anzulegen. Das hatte weiträumige Folgen. Der Wasserstand im Stadtgraben stieg so stark an, dass umliegende Felder nicht mehr nutzbar waren. Bürgermeister W. von Beesten berichtet: „Das Wasser hatte fast gar keine Bewegung und die Dünste des stagnirenden Sumpfes verpesteten weithin die Umgebung.“ Auch die Stadtbleiche konnte nicht mehr richtig entwässert werden. Die städtische Kuhweide war durch das Stauwerk erheblich geschädigt und zum Teil nicht mehr betretbar. Sie war Gegenstand eines Prozesses zwischen Langschmidt und dem Magistrat. Sachverständige konstatierten auf Grund der Abwasserverhältnisse und des zum Teil sehr schlechten Trinkwassers in Lingen eine erhöhte Seuchengefahr. Erst 1865 fand sich Langschmidt bereit, die Stauberechtigung an die Stadt zu verkaufen, die daraufhin sofort das Stauwerk abbauen ließ und eine aufwendige und kostenintensive Behebung des – so von Beesten – „gesundheitsschädlichen Zustandes“ einleitete.

Die Firma unterhielt eine Weberei, eine Spinnerei, eine Wollwäscherei, eine Färberei und eine Appretur zur Stoffveredelung. Entsprechend fanden sich unter den rund 30 Arbeiterinnen und Arbeitern Weberinnen, Spinner, Wollwäscher, Scherer und Färber. Einige von ihnen waren noch keine 15 Jahre alt. Der Tageslohn für Männer betrug 1896 durchschnittlich 2,25 Mark, für Frauen nur 1,60 Mark. Zum Vergleich: Ein Pfund Butter kostete um diese Zeit 1 Mark, ein Wintermantel 15 Mark. Bei einem Jahresumsatz von 150.000 Mark zahlte Langschmidt seinen Arbeitern 1881 insgesamt 15.000 Mark Lohn. Da in Lingen ein Mangel an Arbeiterwohnungen herrschte, ließ die Firma 1901 14 Wohnungen in Laxten bauen. Das mittelfristige Ziel war wohl, sämtliche Arbeiter der Firma in betriebseigenen Wohnungen unterzubringen. Darüber hinaus arbeiteten in der Fabrik allerdings auch Strafgefangene.

Krankheiten bedeuteten für die Arbeiter Lohnausfall und damit schnell eine existenzbedrohende Gefahr. Bereits seit 1813 erlaubte das Gesetz Arbeiterkrankenkassen. 1866 gründete die Firma einen „Kranken- und Unterstützungsverein der Arbeiter“. Die Mitgliedschaft, die wöchentlich einen halben Neugroschen kostete, war für jeden Arbeiter verpflichtend. Mit den Mitgliedsbeiträgen wurde ein Fond ausgestattet, der sie im – unverschuldeten – Krankheitsfall für maximal ein Jahr unterstützen sollte. Letztlich lag die Unterstützung im Ermessen des Vereinsvorstandes, der maßgeblich von Langschmidt selbst kontrolliert wurde. Rechtlich war der Verein ein reines Privatabkommen ohne jeden öffentlichen Charakter. Mit dem 1883 verabschiedeten Krankenversicherungsgesetz war er nicht vereinbar und musste sich als „Langschmidt’sche Krankenkasse“ neu gründen.

Allerdings war Krankheit nicht die einzige Gefahr für die Fabrikarbeiter. Die internationale Baumwollkrise der 1860er Jahre, eine Folge des amerikanischen Sezessionskrieges, dürfte auch die Firma Langschmidt hart getroffen haben. Eine weitere Krise durchlief die Fabrik im Winter 1880, und für die Beschäftigten bedeutete das Kurzarbeit. Ihre Arbeitszeit wurde auf 75 Prozent reduziert. Ende der 1890er Jahre hatte sich die Situation wieder gebessert. Der Betrieb erweiterte sich, zahlreiche Arbeitsmaschinen wurden erneuert, ein neuer Dampfkessel angeschafft und die Zahl der Belegschaft stieg auf über 40. Neu angestellt wurden vor allem Frauen und Kinder.

1861 errichtete Ludwig Langschmidt zusammen mit Wilhelm Jüngst, der allerdings noch im selben Jahr ausstieg, eine Gasanstalt an der Kaiserstraße. Damit verbunden war die Verpflichtung, Stadt und Einwohner mit Gas für die Beleuchtung sowie zum Heizen und Kochen zu versorgen. Neben dem Gasmeister selbst arbeiteten hier auch zwei bis drei Feuerleute. 1906 wurde die Gasanstalt von der Stadt übernommen. Ein Jahr später, im Herbst 1907, brannte das Gelände der Wollwarenfabrik fast vollständig ab. Sie wurde nicht wieder aufgebaut.

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Lingen, Allgemeine Sammlung, Nr. 1030.
  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 736, Nr. 2821.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 4600.
  • Beesten, W. von: Beiträge zur Chronik der Stadt Lingen aus den Jahren 1860 bis 1880, Lingen 1880.
  • Post, Helmut: Industrieansiedlungen und soziale Lage der Arbeiter in Lingen zwischen 1850 und dem 1. Weltkrieg (ungedruckte Prüfungsarbeit. Stadtarchiv Lingen, Bibliothek L1-49), Lingen 1979.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen. II. Teil: Geschichte der einzelnen Kirchspiele, Lingen (Ems) 1978.
  • Vocks, Benno: Lingen wegweisend. 99 Straßen, Wege und Plätze. Porträts und Geschichte(n), Ahlen 2015.


Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv, Stadtarchiv