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Zeitungschronik – Juli 1920

1. Juli: „Bellachini in Lingen. Die Bellachini-Vorstellungen sind bekanntlich die besten in dieser Art. Der Name Bellachini klingt weit über die Grenzen Mitteleuropas. Die Bellachini-Vorstellungen sind verblüffend, überraschend und unnachahmbar. Man kann ohne Uebertreibung sagen: ‚Es sind Renommier-Vorstellungen der klassischen Zauberkunst; eine Welt der lebendig gewordenen Phantasien.‘.“ (LW)

3. Juli: „Die gestern abend vom Ortskartell der freien Gewerkschaften auf der Wilhelmshöhe einberufene Versammlung zwecks Protestierung gegen die Wohnungsnot und Baustoffwucher war gut besucht. Referent war Gewerkschaftssekretär Heinze. In einer Resolution an die Regierung, Provinz und Stadt wurde zur Abhilfe näher angegebene Maßnahmen empfohlen.“ (LV)

6. Juli: „Seit Beginn des Frühjahrs breitet sich in gewaltiger Weise die Maul- und Klauenseuche über Deutschland aus. (…) In den letzten Wochen, besonders in den letzten Tagen ist sie auch in hiesigen Kreisen in mehreren Gehöften festgestellt. (…) Das wichtigste bei der Bekämpfung ist die schnellste Anzeige aller verdächtigen Anzeichen. (…) Der Tod tritt meistens dadurch ein, daß die Maul- und Klauenseuchegifte eine tötliche Entartung des Herzfleisches mit Darmentzündung herbeiführen, manchmal verlieren auch die Tiere völlig die Klauen und müssen dann notgeschlachtet werden.“ (LW)

6. Juli: „Lingen, den 4. Juli. Heute Nachmittag fand hier in der Gastwirtschaft Tieding eine zahlreich besuchte Versammlung von Liebhabern der Pferdezucht und des Rennsports statt. Der Einberufer der Versammlung Herr Hoffschrörs-Lingen schlug vor, einen Verein zur Abhaltung von Rennen und zur Förderung der Pferdezucht im Kreise Lingen zu gründen.“ (LW)

6. Juli: „Plenarversammlung der städtischen Kollegien. (…) Herr Senator Koke gab bekannt, daß die von der Reichsvermögensverwaltung zum Verkauf gestellte Baracke mit Küche auf der Wilhelmshöhe für den Preis von 11 500 Mk. nicht vorteilhaft sei, da u. a. noch die Verpflichtung übernommen werden muß, nach Abbruch der Baracke wieder einen Tennisplatz herzustellen. (…) Die Versammlung nahm daraufhin Abstand vom Kauf der Baracke.“ (LW)

07. Juli: „Die städtischen Kollegien hatten vor einigen Wochen beschlossen, zur Deckung schwebender Schulden einen Teil des Holzes der städtischen Forsten zu verkaufen. Die zur Prüfung dieser Angelegenheit eingesetzte Kommission (…) schlug vor, die beiden Teile der städtischen Forsten links und rechts vom Hessenweg, welche durch die Feldmark Laxten und den Mühlenbach begrenzt werden, zu verkaufen.“ (LV)

8. Juli: „Gefaßter Kirchenräuber. Am letzten Sonnabend abend wurde auf Veranlassung eines hiesigen Hotelbesitzers der 20 Jahre alte Kürschner Schorz aus Weida i. Thür. festgenommen, weil er dem Hotelbesitzer gebrauchte Wäsche zum Kauf anbot, die offensichtlich als Kirchenwäsche zu erkennen war. (…) Die näheren Ermittlungen ergaben, (…) daß sie aus Diebstählen aus den Kirchen Salzbergen, Großfullen und Emsdetten stammte. Eine weitere beim Einbruch in Salzbergen beteiligte Person wurde in Meppen verhaftet.“ (LW)

10. Juli: „Auf der hiesigen Eisenbahnhauptwerkstätte waren 12 Betriebsräte zu wählen. Bei der vorgestrigen Wahl wurden 1496 gültige Stimmen abgegeben. Es erhielten: Deutscher Eisenbahner-Verband 711 Stimmen (7 Sitze), Elberfelder Eisenbahnverband 474 Stimmen (4 Sitze), Allgemeiner Eisenbahner-Verband (Trier-Berlin) 165 Stimmen (1 Sitz) und der Kolonnenführer-Verband (kein Sitz) 86 Stimmen.“ (LV)

10. Juli: „Die Firma Hieronymus Hanauer Söhne hier läßt zwecks Auseinandersetzung ihr von Herrn Terwee erworbenes neben dem Landratsamt belegenes zweistöckiges Wohnhaus Nr. 18 der Georgstraße (…) öffentlich verkaufen.“ (LW)

20. Juli: „Die Bürgermeisterkrisis. Schon seit Wochen gingen in der Bürgerschaft Gerüchte herum, daß der erst seit vorigem Jahr hierselbst amtierende Bürgermeister Kühne sich in ständigem Konflikt mit einem Teil des Magistrats und des Bürgervorsteher-Kollegiums befinde. () Völlig überraschend kam dann Ende voriger Woche die Nachricht, daß Herr Bürgermeister Kühne sich mit dem Bürgervorsteher-Kollegium dahin geeignigt habe, daß er gegen eine Abfindungssumme von 40.000 Mark sein Amt niederlegt. Der Ortsausschuß der freien Gewerkschaften berief daraufhin am letzten Sonnabend abend eine öffentliche Volksversammlung in den Saal der ‚Wilhelmshöhe‘ (…). Die bürgerlichen Mitglieder des Magistrats und Bürgervorsteher-Kollegiums gaben (…) bekannt, daß sie (…) eine Teilnahme (…) ablehnten. Nach Eröffnung der Volksversammlung (…) teilte (Bürgervorsteher Heinze) das Kollegium in drei Gruppen. Die erste Gruppe bilden die dem Zentrum angehörigen Bürgervorsteher, die alle Lappalien mühsam zu seinem Scheiterhaufen zusammengetragen hätten, um hierauf den Bürgermeister zu opfern. Die zweite Gruppe setzte sich aus den Mitgliedern der anderen bürgerlichen Parteien zusammen. Diese Gruppe vertrete den Standpunkt, daß es im Interesse (…) der gedeihlichen Weiterarbeit im Kollegium liege, wenn der Bürgermeister gehe. Die letzte Gruppe sei die sozialistische. Diese habe sich gesagt, daß alle vorgebrachten angeblichen Verfehlungen des Bürgermeisters nicht so schwerwiegend seien. (…) Der Bürgermeister habe bei seinem Amtsantritt ganze Stöße rückständiger Arbeiten vorgefunden. Hierdurch sei es erklärlich, daß einzelne Berichte an die Regierung verspätet abgingen und er deswegen (…) zu Ordnungsstrafen verurteilt wurde. (…) Die Wurzel des ganzen Konfliktes ist nach Ansicht des Redners schon der vorjährige Akt der Wahl des Bürgermeisters gewesen. Herr Bürgermeister Kühne sei von den Evangelischen gegen die Katholiken gewählt worden.“ (LW)

24. Juli: „Das Bürgervorsteher-Kollegium erklärte sich mit dem Magistrats-Vorschlage, Herrn Senator Gilles mit der vorläufigen Erledigung der Bürgermeister-Geschäfte zu beauftragen, einverstanden.“ (LV)

24. Juli: „Plenarversammlung. (…) Vom hiesigen Kreisausschuß wird (…) bekannt gegeben, daß die Landwirtschaftliche Winterschule auf die Landwirtschaftskammer übergeht. (…) Die Rechtsträgerschaft der Schule hatte bisher die Stadt inne.“ (LW)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de



Fotos v.o.n.u.: Stadtarchiv Lingen