Machurius Brunnen
49809 Lingen (Ems)

Machurius Brunnen

 
Die Figur des Machurius ist in der Grünanlage zwischen Marienstraße und der Passage „Lookentor“ in der Nähe des Parkhügels platziert. In früheren Jahren konnte sie als Brunnenfigur bereits an verschiedenen Stellen der Innenstadt ihren „Dienst“ tun. Heute hat sie ein schattiges Plätzchen in einer kleinen Parkanlage der Innenstadt gefunden.

Nach einer Sage trieb Machurius in Lingen sein Unwesen. Deshalb wurde er aus der Stadt, jenseits des Emsufers gebracht. Ihm wurde ein durchlöcherter Eimer mit der Weisung gegeben, wenn er ihn mit Wasser gefüllt zur Stadt brächte, dürfe er dableiben…
 
 
 

Die ausführliche Machurius-Sage können Sie hier nachlesen:


Als die erste Morgenröte des Evangeliums über die öden Gegenden der Mittelems aufging, hauste in der Gegend, wo jetzt die Stadt Lingen liegt, ein grausamer Häuptling, welchen die Sage Machurius oder Michorius nennt. Lange hatten seine Nachbarn seine Untaten geduldig ertragen. Endlich aber wurde es ihnen zuviel, und sie verbündeten sich gegen ihn. Zur Nachtzeit überrumpelten sie mit einer Schar leibeigener Knechte die Burg, erschlugen alle Bewohner, die sich ihnen widersetzten, und steckten alles in Brand. Die Ausgänge der Burg wurden besetzt, damit Machurius nicht entwischen konnte. Allein man wartete vergeblich; er wurde nirgends gesehen. Und als die Burg in Schutt und Asche zusammenstürzte, hielt man ihn für verbrannt. Die Sieger teilten die Beute und seine Besitzungen unter sich; aber keiner wurde seines Besitzes froh.

Kaum war ein halbes Jahr verflossen, so hörte man bald hier, bald dort von neuen Greueltaten, ganz so, wie sie Machurius vordem bei Nachtzeiten ausgeführt hatte. Und nicht lange währte es, da hieß es, dass Machurius wieder sein Unwesen auf seinen früheren Besitzungen triebe. Diese Macht aber war ihm vom Teufel geworden.

Als er in jener für ihn so verhängnisvollen Nacht, vor Wut und Schmerz heulend, sich in das Innere seiner Burg zurückgezogen hatte und sein Ende herannahen fühlte, da standen ihm auf einmal zwei wundersame Wesen zur Seite: zu seiner Rechten eine liebliche Erscheinung in langem, weißem Gewande, die ihm Ruhe und Frieden in der anderen Welt verhieß, wenn er von Herzen bereue; zur Linken aber eine hagere, hämisch grinsende Gestalt, die ihm Rache an seinen Feinden versprach, wenn er sechs Monate des Jahres sein eigen sein wolle. ''Gibst du mir Gelegenheit zur Rache'', schrie Machurius, ''so bin ich dein eigen, und wärest du der Fürst der Finsternis! Tunke nur die Feder in meine Wunde! Ich muß den Vertrag wohl mit Blut unterschreiben.'' - ''Erraten'', sprach die Gestalt, ''doch aus der Wunde darf kein Blut zur Unterschrift genommen werden, weil - doch, was braucht's der Erklärung - ritze nur mit dieser Nadel deine linke Seite und unterzeichne das Papier!'' So geschah es, und seufzend verschwand die Gestalt zur Rechten, während der Fürst der Hölle den Sterbenden hohnlachend anblickte und, als der Odem entflohen war, ihn mit seinen Krallen erfaßte und durch die Lüfte entführte. So war Machurius denn verflucht, sechs Monate des Jahres dem Teufel zu eigen zu sein, während er die anderen sechs Monate als neckender Geist seiner Rache und Bosheit auf Erden leben konnte. Bald mied jedes menschliche Wesen das Gebiet, wo er geherrscht hatte; aber mancher Wanderer, der zufällig durch diese Gegend kam, mußte des Geistes Tücke erfahren.

Jahrhunderte verflossen, und öde und verlassen blieb die Gegend, wo der Geist des Machurius hauste. Als das Gebiet an der Ems aber später Eigentum der mächtigen Grafen von Tecklenburg geworden war, da faßte einer der Söhne des regierenden Grafen den Entschluß, sich hier eine Burg zu bauen. Er war aus Palästina zurückgekehrt und sehnte sich nach eigenem Herde. Der Prior eines nahen Klosters widerriet ihm und gebrauchte dabei den Ausdruck, ''die Gegend stehe in einer lingua mala, sie sei verschrien wegen der Tücke des dort hausenden Geistes.'' Allein dieses konnte ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er sprach: ''Ich habe böse Geister in Palästina gebändigt'' und nannte die Burg Lingua mala, woraus allmählich ''Lingen'' wurde.

Kaum war aber die Burg fertig, als der Geist sein altes Wesen trieb. Da sich infolgedessen nur wenige Anbauer einfanden, sah sich der Graf schließlich genötigt, Verbrechern und anderm Gesindel hier eine Freistätte zu eröffnen, um nur Bewohner für die im Schutze der Burg gelegene Stadt zu erhalten. Je mehr Leute aber in der Folge hinzukamen, um so mehr hörte man von den bösen Streichen des Gastes. Da gelobte der Graf, den Geist zu bannen. Dazu fanden sich in kurzem mehrere bereit, und nachdem nun die frommen Mönche die Stiftungsurkunde, vom Grafen unterschrieben und gesiegelt in Händen hatten, wurde der Tag bestimmt, an welchem der Geist des Machurius gebannt werden sollte.

Am Morgen des bestimmten Tages wurde eine feierliche Messe gelesen. Alle Gläubigen der Umgegend vereinigten ihre Gebete mit denen des Priesters, damit das Werk gelingen möge. Dann gingen zwei Mönche von der Regel des heiligen Benediktus zu der Stelle, wo der Geist am liebsten hauste. Sie umzogen den Ort mit einem Kreis heiliger Kreuzeszeichen, riefen den Geist dreimal bei Namen, murmelten die geheimnisvollen Bannworte und zwangen ihn, in einem bereitstehenden Wagen zwischen ihnen Platz zu nehmen. Dann fuhren sie mit ihm zum Looken , dem jetzigen Fährtore, hinaus.

Der Geist gebärdete sich furchtbar im Wagen und übte noch unterwegs seine Tücke an dem Fuhrmann aus. Denn trotz der Warnung der frommen Väter, sich nicht umzusehen, er möge im Wagen hören, was er wolle, konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Kaum sah er sich um, da saß ihm der Kopf verkehrt auf dem Rumpf.

Indes fuhr der Wagen zur Ems. Während er in dem Fährschiff übergesetzt wurde, versuchte der Geist noch einmal seine Macht mit Hilfe des Bösen und drückte so schwer auf das Schiff, dass es jeden Augenblick zu sinken drohte. Doch kamen sie glücklich am jenseitigen Ufer an und setzten ihre Reise fort bis tief in den Lohneschen Sand. Hier wurde der Geist aus dem Wagen entlassen und ihm die Freiheit erteilt, jährlich einen Hahnenschritt sich Lingen zu nähern. Außerdem ward ihm ein durchlöcherter Eimer gegeben mit der Weisung, wenn er ihn mit Wasser gefüllt zur Stadt brächte, so dürfe er dableiben. Jeden aber, der nicht an ihn glaubte und der ihm im Lohneschen Sande entgegenkomme, dürfe er seine alte Tücke fühlen lassen.

Mehrere Jahrhunderte sind seitdem verronnen, und der Sage nach hat sich der Geist des Machurius der Stadt Lingen schon bedeutend genähert. Viele Wanderer, die nächtlicherweise durch jene unwirtlichen Sandwüsten reisen mussten, haben ihn mit dem durchlöcherten Eimer im Wasser plätschern gehört. Und nicht wenige haben in früheren Jahren, als noch keine Landstraße durch die öde Gegend führte, ihren Unglauben an Machurius damit büßen müssen, dass sie auf der Flucht vor ihm ermüdet über Wurzeln und Sträucher fielen und sich zuletzt in dem Labyrinth der vielen Sandhügel verirrten.

Weitkamp
Entnommen aus: Unsere Heimat Nr. 10, Sagen der Heimat, Lesebogen für die Schulen des Kreises Lingen/Ems, Lingen /Ems 1954, S. 487-489


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Richard Heskamp