veröffentlicht am 05.06.2019

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

Juni 1919

 
4. Juni: „Am Dienstag, morgens 9 ½ Uhr, entstand auf dem Dachstuhl des Vehr’schen Hauses in der Baccumer-Straße Feuer. Das Haus und das Nachbarhaus der Ww. Knoop brannten vollständig nieder.“ (LV)

4. Juni: „Der Männerturnverein machte am Himmelfahrtstage seinen diesjährigen Ausflug zum Biener Busche und hielt sein 2. Waldturnerfest ab. (…) Gefallen sind 14 Turner, vermißt vier, in Gefangenschaft 7.“ (LV)

4. Juni: „Der Magistrat wird ermächtigt, 2 Hülfspolizeibeamte für den Nachtwachdienst anzustellen. Diese Beamten sollen mit Fahrrädern versehen werden. (…) Nach längerer Debatte, in welcher festgestellt wurde, daß infolge des Streiks und der Transportschwierigkeiten seit Februar d. J. eine bessere Belieferung der Stadt mit Kohlen nicht möglich war, kam das B. V. Kollegium zu der Erkenntnis, daß den Kohlenhändlern der Stadt kein Mißtrauensvotum zu erteilen sei.“ (LV)

5. Juni: „Die am Samstag (…) vom Sozialdemokratischen Wahlverein veranstaltete öffentliche Frauenversammlung war von Seiten der Frauenwelt gut besucht. (…) Fräulein Alwine Wellmann aus Osnabrück referierte über das Thema: ‚Die Frau und der Sozialismus‘ (…) Die hierauf eingesetzte Diskussion nahm einen lebhaften Charakter an. Die U.S.P.D Lingen hatte sich zu diesem Zweck in Fräulein Minna Otto von Emden eine Korreferentin bestellt, (…) die (…) sich nicht zur U.S.P.D., sondern zur kommunistischen Partei bekennt. (…) (Dazu) sei in erster Linie angeführt, daß Fräulein Otto wohl eine tüchtige Rednerin, aber als Rednerin eine vortreffliche Schauspielerin ist. Man glaubte sich während ihrer Ausführungen in ein Theater versetzt. (…) Herr Kudelko von U.S.P.S. (sprach) voll des Lobes von der K.P.D.“ (LW)

7. Juni: „Am Mittwoch nachmittag fand im kath. Gesellenhause nach längerer Unterbrechung wieder eine Versammlung der sozial-wissenschaftlichen Konferenz statt, der auch eine größere Zahl Damen beiwohnte. (…) Gegen eine vernünftige Sozialisierung (…) bei dafür reifen Betrieben und bei Entschädigung sei nichts einzuwenden. Die von den Kommunisten verlangte Sozialisierung aller, auch der kleinen Betriebe sei zu verwerfen.“ (LV)

7. Juni: „Bund deutscher Männer und Frauen zum Schutze der persönlichen Freiheit und des Lebens Wilhelm II. Ortsgruppe Lingen. Der Ortsgruppe sind durch Eintragung in die in Umlauf gesetzten Listen 1774 Personen als Mitglieder beigetreten. (…) Frau Schubert, Hauptmannsgattin. Frau Meyer, Majorsgattin.“ (LV)

7. Juni: „(Es) wird vielerorts im Kreise mit Infanteriegewehren geschossen. Ich mache darauf aufmerksam, daß (…) das Tragen von Waffen streng verboten ist und die Abgabe aller Waffen angeordnet ist. (…) Der Landrat“ (LW)

12. Juni: „Nach Mitteilung der Inspektion der Kriegsgefangenenlager X. A. K. ist mit der Möglichkeit eines unerwarteten telegraphischen Abrufes der bei der Landwirtschaft beschäftigten kriegsgefangenen Russen zu rechnen. Die Landwirte werden ersucht, Ersatzkräfte schon jetzt bei dem Kreisarbeitsnachweis in Lingen, Lookenstr. 31 und beim Arbeiterrat, Marienstr. anzufordern. (…) Der Landrat“ (LW)

17. Juni: „Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen, Ortsgruppe Lingen, veranstaltete am Sonntag (…) eine öffentliche Versammlung. (…) Lingen ist bis jetzt der am weitesten westlich gelegene Bezirk des Bundes.“ (LW)

17. Juni: „Achtung! Kaufleute und Handwerker. Das Reservelazarett Lingen ist aufgelöst. Forderungen sind umgehend an das Reservelazarett zu richten.“ (LW)

18. Juni: „Am Donnerstag, 19. Juni, feierte der Hochw. Heinr. Kues (Bruder von J. Kues hier), Pastor an der St. Antonius Kirche zu Cincinnati, Ohio sein 25jähriges Priesterjubiläum. Geboren am 3. Febr. 1861 zu Lingen wurde er zunächst Kaufmann in Freren, im Jahre 1883 wanderte er nach Amerika aus, studierte daselbst Theologie und wurde am 19. Juni 1894 von Erzbischof Elders von Cincinnati zum Priester geweiht.“ (LV)

21. Juni: „Am letzten Dienstag (…) fand im ‚Club‘ bei Vaupel eine Besprechung sämtlicher hiesigen politischen u. gewerkschaftlichen Organisationen statt. Die Tagesordnung (…) war ‚Stellungnahme zur Gründung einer Einwohnerwehr‘. (…) Eine längere Diskussion ergab, daß die Mehrzahl der Anwesenden gegen die Gründung einer Einwohnerwehr war. Die Gegner hielten eine solche für Lingen nicht nur für zwecklos, sondern befürchteten, daß durch dieselbe Reibungen hervorgerufen würden.“ (LW)

24. Juni: „Am Sonntag fand im Pagelschen Saale eine von der U.S.P. einberufene öffentliche Versammlung statt, die sehr gut besucht war. Genosse Orlopp referierte erst über das Thema: ‚Was trennt uns Unabhängige Sozialisten von den Rechts-Sozialisten?‘ (…) In der Aussprache versuchte Genosse Heinze die Politik der Rechtssozialisten zu rechtfertigen.“ (LW)

25. Juni: „Eine Kundgebung katholischer Glaubensüberzeugung (…) war am Sonntag die Bonifatiusfeier. (…) Herr Pastor von Euch – Hamburg sprach über die Diasporanot. (…) Ein junger Mann (…) kann in der Heimat (…) leicht brav bleiben, geht aber in der Großstadt, umringt von tausend Gefahren, gewöhnlich zugrunde. (…) Es ist leicht zu verstehen, daß die Meisten schnell religiös und moralisch untergehen. (…) Ein schlimmes Kapitel bildet weiterhin die Frage der gemischten Ehen und der Ehescheidungen. Das kirchliche Leben wird am meisten geschädigt durch die furchtbare Vergnügungssucht, die den religiösen Sinn vollständig ertötet.“ (LV)

28. Juni: „Mit der Auflösung der kath. Seelsorge auf der hiesigen Strafanstalt ist Herr Gefängnispfarrer Soostmeyer seines Amtes enthoben und jetzt (…) in die Missionspfarre nach Wismar (Mecklenburg) versetzt worden.“ (LV)
 
Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Stadtarchiv Lingen