veröffentlicht am 07.11.2018

Zeitungschronik - Lingen vor 100 Jahren

 

November 1918

 
12. Nov.: „Seit Sonntag abend ruht auch in Lingen die öffentliche Gewalt in der Hand eines Arbeiter- und Soldatenrats. Nachdem schon am Sonnabend Gerüchte von der bereits erfolgten Bildung eines Soldatenrats seitens der Truppen in unserer Stadt umgingen, rechnete man bestimmt mit den nunmehr eingetretenen Ereignissen. (…) Weiter wurde hierauf beschlossen, die wegen politischen und Disziplinarvergehen bestraften Gefangenen in Freiheit zu setzen. (…) 9 Gefangene wurden befreit. Unter Mitwirkung der Musik der hies. Ldstrm.-Komp. ordnete sich die für Lingen riesenhafte Versammlung, verstärkt durch viele Frauen, Jugendliche und Kinder zu einem Demonstrations-Umzuge durch die Straßen der Stadt. (…) Unsere Mitbürger mahnen auch wir zur Ruhe und Besonnenheit.“ (LW)

13. Nov.: „Während die Versammlung tagte, wurden vom W.T.B. die Waffenstillstandsbedingungen unserer Feinde nach hier vermittelt. (…) Die Bedingungen (…) sind so ungeheuer, daß man sagen möchte, sie könnten in der haßerfüllten Hölle nicht schlimmer ersonnen werden. (…) Man konnte nach dem Umzuge am Marktplatze beobachten, wie stark drückend sie auf das Volk wirkten.“ (LV)

12. Nov.: „Die neue Freiheit fängt in Lingen eigentümlicherweise mit einer Gesetzesübertretung an. Den die Gesetze sind nicht aufgehoben. Trotzdem nehmen die am Sonntag gewählten Kommissionsmitglieder in Verbindung mit dem Arbeiterrat dauernd Hausdurchsuchungen vor, die bislang nur auf gerichtliche Anordnung zulässig waren. (…) Wenn dabei gleichmäßig bei a l l e n Berufsständen vorgegangen würde, wäre die Sache vielleicht zu verstehen.“ (LW)

13. Nov.: „Öffentliche Sitzung der städtischen Kollegien. Lingen den 12. November 1918. (…) Der A.u.S.-R. hat die Bewilligung von städtischen Mitteln beantragt, um die ihm erwachsenden Kosten zu decken. Die Stadtverwaltung hat mit dem A.u.S.R. einen Frieden geschlossen.“ (LV)

13. Nov.: „Soldaten, Arbeiter Bürger! (…) Die öffentliche Ruhe wird durch uns garantiert. Die Behörden werden ihre Tätigkeit weiter ausüben. Eine besondere Aufgabe wird es sein, die Lebensmittelversorgung sicher zu stellen. (…) An alle Soldaten und Zivilbevölkerung ergeht die Aufforderung, sich unbedingt den Anordnungen der Organe des Arbeiter- und Soldatenrates, die durch weiße Binden kenntlich gemacht sind, zu fügen. (…) Offiziere und Beamte, die sich mit den Maßnahmen des Arbeiter- und Soldatenrats einverstanden erklären, begrüßen wir in unserer Mitte, alle übrigen haben ohne Anspruch auf Versorgung den Dienst zu quittieren. Die Postzensur ist aufgehoben; Briefe dürfen von nun an wieder geschlossen abgeliefert werden. Unsere Geschäftsräume befinden sich im Lokale des Kameraden Heskamp, Marienstraße. (…) Der Arbeiter- und Soldatenrat. Für die Zivilverwaltung: Der Magistrat. Meyer.“ (LV)

14. Nov.: Die neue Ordnung in Lingen. (…) Die bestehenden Gesetze bleiben unangetastet, das hat der A.-u.S.-Rat gestern abend ausdrücklich beschlossen und sich ein Eingreifen nur in Ausnahmefällen (…) vorbehalten. (…) Die richtige Erkenntnis, daß schwerwiegende Fragen (…) sehr bald zu folgenschweren Entschlüssen zwingen, die von e i n e r Klasse der Bevölkerung allein nicht getragen werden dürfen noch können, hat den A.-u.S.-Rat zu dem Entschlusse kommen lassen, sich zu erweitern.“ (LW)

14. Nov.: „Schließlich möchten wir noch eine Zuschrift von interessierter Seite erwähnen, worin dringend die Ergänzung des jetzigen Arbeiterrates gefordert wird, da die Arbeiterschaft aus städtischen, privaten, landwirtschaftlichen Betrieben, auch Bahnarbeiter u.a.m. im Arbeiterrat nicht vertreten sei. Man erblicke in letzterem nur eine Werkstättenvertretung und werde nötigenfalls zur Wahl eines anderen Arbeiterrates schreiten müssen.“ (LW)

16. Nov.: „Infolge der derzeitigen Zustände in Bezug auf die Demobilisierung ist erforderlich, um dem Zuzug der Arbeiter gerecht zu werden, eine große Anzahl Wohnungen frei zu bekommen. Die Bürgerschaft wird hiermit aufgefordert, ihre abzugebenden Wohnungen im Büro des Soldaten- und Arbeits-Nachweises, Bogenhaus, Marienstraße 11, anzumelden.“ (LW)

16. Nov.: „In der Stadt Lingen sind in den letzten Tagen Angehörige des Feldheeres in größerer Anzahl angekommen und gelangen solche weiterhin dort an. Die Zurückgekehrten (…) wollen gern Arbeiten übernehmen. (…) Es wird dringend ersucht, soviel Arbeitskräfte wie nur irgend möglich anzunehmen.“ (LV)

16. Nov.: „Nach eingehender Aussprache hat sich ein Bauernrat gebildet, der in voller Gleichberechtigung mit dem A.-u.S.-Rat gemeinsam Beschlüsse fassen wird.“ (LW)

19. Nov.: „Auch unsere Stadtverwaltung hat sich bereit erklärt, 2000 Mann in Massenquartieren aufzunehmen. Bei dieser Gelegenheit, so wird uns mitgeteilt, wollen reaktionäre Elemente den Versuch unternehmen, die Lingener neuen Verhältnisse in ihrem Sinne wieder umzugestalten. Wir können uns keine größere Dummheit denken und warnen dringend.“ (LW)

23. Nov.: „Eine Versammlung der Anhänger und Freunde des alten Zentrums fand am Mittwoch bei Nave statt, um einen Wahlverein zu gründen und einen Vorstand zu wählen. (…) Ein Wahlverein sei für Lingen ein Gebot der Stunde, wollten wir es nicht erleben, daß diese alte bombensichere Zentrumsburg an die Sozialisten verloren ginge. (…) Die Katholiken reichen ihren evangelischen Brüdern die Hand, um diesen Kampf gegen die Vergewaltigung der Gewissen vereint aufzunehmen.“ (LV)

27. Nov.: „Nachdem dieser Tage schon eine Anzahl Autos einer Fliegerstaffel hier eingetroffen war, der ein kleinerer Trupp von 60 Mann folgte, traten heute morgen 4 Uhr weitere 300 Mann vom Ersatzbatallion Inf. Regt. Nr. 160 ein. (…) Der eine Teil der Mannschaft wurde nach Schepsdorf, der andere nach Altenlingen einquartiert. (…) Das Regiment Nr. 160 wird voraussichtlich Ende dieser Woche hier eintreffen.“ (LV)

30. Nov.: Einen recht stimmungsvollen Abschied von Lingen veranstalteten vor einigen Abenden die Mannschaften der bis dahin in der hiesigen städt. Turnhalle einquartiert gewesenen Genesenden-Kompagnie.“ (LW)

30. Nov.: „(Auf Einladung des Wahlvereins der Freunde und Anhänger des alten Zentrums) fand gestern abend im Hotel Nave eine Frauenversammlung statt. (…) Der Wahlzettel in der Hand der Frau gebe ihr große Rechte, enthalte aber auch große Pflichten für sie. Herr Studienassessor Kosicki sprach über die Gefahren, die der christlich-konfessionellen Schule drohen. (…) Es handle sich hier im Grund um den ewigen Kampf zwischen materieller und idealer Lebensauffassung, zwischen Glauben und Unglauben. (…) Daher wollen wir den christlich-konfessionellen Charakter der Volksschule gewahrt wissen und lehnen einen allgemeinen Moralunterricht als Ersatz für den Religionsunterricht ab.“ (LV)

Aus dem Lingener Volksboten (LV) und dem Lingenschen Wochenblatt (LW). Die Zeitungen sind einsehbar im Stadtarchiv Lingen, Baccumer Str. 22, 49808 Lingen (Ems). www.stadtarchiv-lingen.de


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), Stadtarchiv Lingen