veröffentlicht am 03.07.2019

Archivalie des Monats 

 

Das Torschreiberhaus

 
Ursprünglich konnte man die Stadt Lingen nur über drei Wege betreten. Sie führten über eine Stadtgrabenbrücke durch je eines der drei Stadttore – dem Lookentor, dem Mühlentor und dem Burgtor. Bereits im 16. Jahrhundert versieht an jedem der drei Tore ein Stadtpförtner seinen Dienst. Jeder hat dafür ein eigenes Pförtnerhaus an seinem Tor. Aufgabe des Pförtners ist es, auf alle in die Stadt eingeführten Waren Zoll zu erheben.

1548 zerstört ein Stadtbrand weite Teile der Stadt. Opfer der Flammen wird offenbar auch das Pförtnerhaus am Burgtor. Jedenfalls erwirbt die Stadt 1556/57 für 10 Taler ein neues, fertig gezimmertes „poyrthues tor borch poirtenn“. Die dabei anfallenden Handwerkerarbeiten sind in den städtischen Kämmereirechnungen gut dokumentiert. Weniger gut dokumentiert sind die Namen der Torschreiber.

Anfang des 18. Jahrhunderts lässt sich ein gewisser Spengeler im Torschreiberhaus belegen, 1732 wird sein Nachfolger Schmitts erwähnt. Von spätestens 1810 bis 1817 ist Bernhard Heinrich Augsburg als Torschreiber tätig. Um 1750 geboren, lebt er hier mit seiner Frau Sophia Augsburg geb. Ulrich und seiner (vermutlichen) Tochter Juliana, inzwischen verheiratete Kuben.

Das Torschreiberhaus gilt unter preußischer Regierung im 18. Jahrhundert als „Königliches Haus“. Entsprechend ist das damalige Gebäude nicht aus den Mitteln der Stadtkämmerei, sondern der königlichen Domänenkammer errichtet worden. Und folglich muß die Domänenkammer auch für Reparaturarbeiten einstehen, wie die Stadt 1740 angesichts des stark beschädigten Gebäudes betont.

Ab 1748 müssen alle Hausbesitzer der Grafschaft, statt Soldaten zu stellen, sogenannte Werbebefreiungsgelder zahlen. Infolgedessen wird in Lingen das erste Hausnummernsystem eingeführt. Als eines von nur wenigen Gebäuden in der Stadt erhält das Torschreiberhaus jedoch keine Nummer, da es als „königliches Haus“ von der Abgabe befreit ist.

Spätestens 1822 ist die Stadt Lingen Eigentümerin des Hauses. Damit hat sie auch die Finanzierung des Neubaus zu tragen, den die Landdrostei im September 1847 genehmigt und der bis heute steht. 1848 wird der Neubau von Maurermeister Borstadt unter der Leitung des reitenden Försters Sticke durchgeführt.

Das spätklassizistische Gebäude mit seinen vier massiven Säulen und einem überbauten Gang wird, um einen freien Platz vor dem Pfarrhaus zu gewinnen, an etwas versetzter Stelle, nämlich direkt auf dem Stadtgraben errichtet. Dazu muss der Graben mit einem Bogen überbaut werden. Und natürlich wird es teurer als gedacht. Statt 668 Reichstaler muss die Stadt schließlich 838 Reichstaler aufbringen.

Ein Grund für die gestiegenen Kosten ist, dass Baumaterialien des alten Torschreiberhauses – Backsteine und das offenbar sehr massive Fundament – eigentlich wiederverwendet werden sollten, mangels Eignung dann aber doch verkauft werden. Aber auch die Säulenreihe ist teurer geworden als zunächst gedacht.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verliert das Haus seine Funktion, und die städtischen Torschreiber übernehmen andere Aufgaben, etwa die Erhebung einer Brennmaterialabgabe oder die Ausrufung amtlicher Bekanntmachungen. Nachdem die Torschreiberstellen zuletzt nur mit ungeeigneten Personen besetzt worden sind, erfolgt um 1860/80 eine Neubesetzung aller Stellen.

Ende des 19. Jahrhunderts wird das Haus verändert und das Dach ausgebaut. Die Anwesenheit des Polizeisergeanten Heinrich Fischer (ca. 1890–1907) und des Polizeisekretärs auf Widerruf Heinrich Kuhl (1917–1925) könnte vielleicht für eine Nutzung als Dienstwohnung der Polizei sprechen. Im November 1934 wird hier dann das Kreisheimatmuseum eröffnet. Die Stadt hat dem Museum das Gebäude für zunächst zwanzig Jahre zur Verfügung gestellt. Doch daraus wird nichts. Am Ende des Zweiten Weltkriegs dient das Gebäude zunächst der Unterbringung von Evakuierten und Flüchtlingen. Dann verkauft es die Stadt.

Spätestens 1955 befindet es sich im Besitz des Handelsvertreters Karl-Heinz Sparre. Das Kreisheimatmuseum bezieht daraufhin das Kutscherhaus, das 1728 als Wirtschaftsgebäude des Palais Danckelmann errichtet wurde. Um 1955/65 werden die mittleren Säulen des Torschreiberhauses durch Stahlsäulen ersetzt, 2001 erfolgt eine Sanierung. Bereits 1957 eröffnet Gerhard Dlugay hier ein Kurz- und Modewarengeschäft. Es existiert noch heute.

Quellen und Literatur:
 
  • Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, u.a. Nr. 3226, Nr. 3260.
  • Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 2976.
  • Stadtarchiv Lingen, Karten und Pläne, Nr. 194.
  • Stadtarchiv Lingen, Lingener Tagespost vom 15.05.2007.
  • Beesten, Werner von: Beiträge zur Chronik der Stadt Lingen aus den Jahren 1860 bis 1880, Lingen 1880.
  • Eiynck, Andreas: Altes Torschreiberhaus in neuem Glanz, in: Kivelingsfest 2002, S. 131-133.
  • Köster, Baldur: Lingen. Architektur im Wandel. Von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis um 1930), München 1988.
  • Remling, Ludwig: Egbert Wantschers Plan der Festung Lingen und des näheren Umlandes, in: Remling, Ludwig (Hg.): Aus der Geschichte Lingens und des Lingener Landes. Festgabe für Walter Tenfelde zum 70. Geburtstag (Materialien zur Lingener Geschichte 2), Lingen 1989, S. 44-47.
  • Faksimile, Edition, Übersetzung, Lingen 1982.


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