veröffentlicht am 07.09.2014

Das Ende des Krieges

 

Lingen im Zweiten Weltkrieg

 
In der Nacht zum Osterdienstag, dem 3. April 1945, drangen britische Truppen bis nach Nordhorn vor. Hummeldorf und Rheine wurden eingenommen. Als am frühen Morgen die Emsbrücke bei Schepsdorf gesprengt und in Lingen Feindalarm gegeben wurde, flüchteten die Lingener in Scharen aus der Stadt, um in den umliegenden Ortschaften unterzukommen. Das Führungspersonal des Eisenbahn-Ausbesserungswerkes (EAW) verließ die Stadt gen Oldenburg. Der Landrat hatte sich mit seinem gesamten Stab ins vorläufig noch sichere Baccum zurückgezogen.

Während des gesamten Tages und der Nacht zum Mittwoch stand die Stadt unter Artilleriefeuer. Lingen wurde nicht, wie die Alliierten es erwartet hatten, friedlich übergeben, sondern durch die Wehrmacht im Straßenkampf verteidigt. Wenn sie dies gewusst hätten, so äußerte sich ein britischer Soldat, hätte man die Stadt zuvor mit Flugzeugen zerstört.
 
Doch auch der Artilleriebeschuss richtete schwere Schäden an. Brände wüteten auf dem Markt, in der Marienstraße und in der Lookenstraße. Einwohner wurden von umherfliegenden Granatsplittern verletzt oder getötet. Insgesamt 27 Zivilisten und 118 deutsche Soldaten fanden während der Kampftage in Lingen den Tod. Etwa dreißig Häuser wurden durch die Artillerie oder durch Flammenwerfer vollständig zerstört, darunter auch das Drostenamtshaus und die Apotheke in der Elisabethstraße. Viele der zerstörten Häuser waren nach den Bombenangriffen von 1944 gerade erst wieder aufgebaut worden. Durch die deutsche Gegenwehr in Lingen wurde der britische Vormarsch lediglich um wenige Tage verzögert. Am Donnerstagabend war Lingen bis zur Bahnlinie fest in britischer Hand. Am Freitag verlagerten sich die Kämpfe weiter nach Osten. Laxten und Damaschke wurden beschossen.
 
Nach dem Einmarsch der Engländer herrschten in Lingen chaotische Zustände. Da Lingen nicht kampflos übergeben worden war, wurde den britischen Soldaten erlaubt, die Stadt 24 Stunden lang zu plündern. Doch auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Einheimische beteiligten sich an den Plünderungen. Es gab Berichte von Vergewaltigungen. Die Strom-, Wasser- und Gasversorgung war zusammengebrochen, ebenso wurden die Lebensmittel knapp.

Bereits am Freitag nahm die britische Militärregierung die Arbeit auf, verhängte eine Ausgangssperre und ernannte, da offenbar niemand vom städtischen Führungspersonal auffindbar war, den städtischen Mitarbeiter Hermann Faust zum Vertreter der Stadt. Dieser musste sein Amt allerdings schon am nächsten Tag an den Stadtkämmerer Franz Kalbhen abtreten. Erst am darauffolgenden Montag kehrte der Bürgermeister v. d. Brelie nach Lingen zurück und wurde sogleich seines Amtes enthoben. Am Dienstag, den 10. April 1945, ernannte die britische Militärregierung den Kaufmann Clemens Brackmann zum neuen Bürgermeister. Noch in derselben Woche nahm die Stadtverwaltung – wenn auch unter Schwierigkeiten – wieder ihre Arbeit auf.
 

Für weitere Informationen:
- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
- Remling, Ludwig (Hg.): Das Kriegsende 1945 im Raum Lingen (Materialien zur Lingener Geschichte 3), Lingen 1996.


Fotos v.o.n.u.: Headerfoto Stadt Lingen (Ems), o.A., o.A., o.A.