Stadtarchiv
von Dr. Ludwig Remling
Das Kasernengelände ist der größte zusammenhängende Grundstückskomplex im Stadtteil Reuschberge. Ursprünglich war es wie fast ganz Reuschberge eine Sanddünenlandschaft - ähnlich der Geländeformation, die sich westlich der Ems bis Lohne erstreckt. Bewachsen mit Büschen und Niederwald diente sie vorrangig als Viehweide. Die einstigen Sanddünen sind der Grund für die Bezeichnung Reuschberge. Der Name Reusch erinnert an die früheren Besitzer dieses Gebiets, die adlige Familie von Reusch. Im Jahre 1679 heiratete Wolf Heinrich von Reusch die Erbtochter auf Haus Beversundern. Er kam damit in den Besitz des Hauses Beversundern, zu dem seit Jahrhunderten die wellige Heide- und Sandfläche längs der Ems zwischen seinem Adelssitz und Darme gehörte. Die Familie von Reusch war bis 1831 Besitzer von Reuschberge. In den folgenden Jahrzehnten besaßen zunächst der pensionierte Premierleutnant Giesselmann und der Wasserbauinspektor Tolle gemeinsam das Haus Beversundern, später der Kaufmann Vehmeyer in Haselünne. Im Jahre 1880 gingen Beversundern und die Reuschberge schließlich in den Besitz der Grafen von Galen über. Politisch gesehen waren die Reuschberge für die Stadt Lingen Jahrhunderte lang Ausland. Sie gehörten zum größten Teil zur Bauerschaft Darme im Fürstbistum Münster.
Der Name Teichstraße erinnert an die ehemalige Fischzuchtanstalt, die im Bereich der sog. Alten Ems von der Landwirtschaftskammer Hannover 1902 angelegt worden war und bis etwa 1950 bestand.
Kaum waren die ersten Häuser der Siedlung entstanden, fand auch der Staat Interesse an der großen unbebauten Fläche zwischen Ems und Kanal. Als im Zuge der sog. Heeresvermehrung der Reichswehr die Stadt Lingen 1933/34 als Garnisonstadt ausgewählt wurde, einigten sich die Vertreter der Stadt und der Heeresverwaltung im Frühjahr 1934 darauf, dass die Kasernen für die in Lingen zu stationierenden Truppenteile - ein Infanterie-Bataillon und eine Artillerie-Abteilung - in Reuschberge erbaut werden sollten. Die für die Kasernenanlage vorgesehene Fläche von ca. 21 Hektar musste die Stadt kostenlos und lastenfrei der Heeresverwaltung übereignen. Da die Stadt Lingen in Reuschberge keine Grundstücke besaß, erwarb sie von Emanuel Graf von Galen 16 Hektar zum Preis von 31.000 RM und weitere 5 Hektar durch Tausch, indem sie dem Grafen ein der sog. Gasthauskasse gehörendes Grundstück übertrug.
Pläne, dass Lingen Garnisonsstadt werden sollte, muss es bereits in der Weimarer Zeit gegeben haben, wie auch Bemühungen von Seiten der Stadt Lingen aus der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg überliefert sind, mit denen man erreichen wollte, dass Truppeneinheiten nach Lingen verlegt würden. Man kann also nicht sagen, dass Bürgermeister Plesse und seine Nationalsozialisten es erreicht hätten, dass Lingen Garnisonsstadt wurde. Durch die nationalsozialistische Aufrüstungspolitik wurden die bereits vorhandenen Pläne, Truppeneinheiten in Lingen zu stationieren, lediglich beschleunigt.
Im Herbst 1934 wurde das Gelände planiert und der vorhandene Busch- und Baumbestand entfernt. Erst damals erhielt das Kasernengelände sein ebenes Oberflächenprofil.
Noch im Spätherbst 1934 wurde mit der Errichtung der ersten Bauten begonnen. In Lingen wurde eine Heeresneubauleitung eingerichtet, die dem Heeresbauamt Münster unterstand, aber relativ selbständig war. Am 23. März 1935 war Richtfest, am 3. Oktober 1935 fand die Einweihung statt.
Die neue Kasernenanlage bestand aus 2 nebeneinander gelegenen, durch einen Drahtzaun getrennten Kasernen: der Walter-Flex-Kaserne für das 1. Bat. des Infanterie-Regiments 37 und die Scharnhorst-Kaserne für die 1. Abt. des Artillerie- Regiments 6.
Das Infanterie-Bataillon war bereits im Oktober 1934 in Lingen eingetroffen. Es standen jedoch zunächst nur provisorische Unterkünfte auf dem Viehmarktgelände und beim Gastwirt Heinrich Neerschulte in Schepsdorf zur Verfügung. Die neuen Unterkünfte in der Walter-Flex-Kaserne wurden deshalb von den Infanterie-Soldaten bereits vor der offiziellen Einweihung bezogen.
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Die Fotos von den Einweihungsfeierlichkeiten lassen erkennen, dass mehrere weitere Gebäude noch nicht fertiggestellt waren, dass Kipploren und Baumaterialien herumstanden. |
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Die Villa Windhoff, auch Haus Emshagen genannt, wurde Standortoffizierskasino. Die Wehrmachtssoldaten waren ein fester Bestandteil des geselligen Lebens in der Stadt.
1943 und 1944 kam es dort zu Hinrichtungen von belgischen Widerstandskämpfern und luxemburgischen Geiseln.
Bei Kriegsbeginn wurden alle in Lingen stationierten Truppenteile in frontnahe Gebiete verlegt. Die Kasernen standen während des Krieges jedoch nicht leer. Unterschiedliche Ausbildungseinheiten und später auch Genesungskompanien waren hier untergebracht.
- Die 1. SS Reit- und Fahrschule, eine sog. Remonte-Einheit.
- Unterführerlehrgänge des Wehrkreises X
- und eine Abteilung ungarischer Honved-Soldaten mit ihren Angehörigen.
Bei Kriegsende 1945 wurde die verlassenen Vorratslager der Kasernen von der einheimischen Bevölkerung geplündert und die Kasernen von den englischen Truppen von Altenlingen aus erobert.
Bei den Engländern und den UN-Flüchtlingsorganisationen hatten die Kasernen auch andere Namen erhalten. In den Akten heißen sie Dover- und Essex-Kaserne.
Bis 1947 waren in den Kasernen vor allem polnische DPs untergebracht.
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Eingang zu der als DP-Camp genutzen ehemaligen Infanterie-Kaserne |
Unterkunftsgebäude im DP-Camp mit polnischen DP´s |
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Die Lagerkirche im DP-Camp, davor das Holzgerüst für die Glocke |
Wachtposten am Eingang zum Sperrgebiet des DP-Camps |

Die letzten Ausländer verließen das Kasernengelände im Laufe des Jahres 1957. Sie fanden entweder in den neuerrichteten Wohnblocks an der Friedrichstraße und Heinrichstraße oder in Osnabrück eine neue Heimat.
Zu diesem Zeitpunkt wurden die ehemaligen Wehrmachtskasernen zum Teil auch bereits von der neuerrichteten Bundeswehr genutzt, denn 1956 war Lingen wieder Garnisonsstadt geworden.
Das Kasernengelände, das der Bundeswehr zur Verfügung stand, war allerdings anders zugeschnitten als zur Zeit der Nutzung durch die Wehrmacht; denn Teile des Barackenlagers für die Ersatzeinheiten der Wehrmacht im Norden des Kasernengeländes waren von der englischen Militärregierung schon sehr früh für eine wirtschaftliche Nutzung und zur Linderung der Wohnungsnot freigegeben worden. So diente die sog. Baracke III der Firma Erwin Müller in den ersten Nachkriegsjahren als Produktionsstätte. Auf dem Stadtplan von 1950 sind die Veränderungen gut zu erkennen.
Bereits 1948 war die ehemalige Militärbadeanstalt für die Lingener Bevölkerung freigegeben worden. 1953 entstand die Fußgängerbrücke über den Kanal, auch Meckerbrücke genannt, um Reuschberge besser mit der Innenstadt zu verbinden. Bis zum Jahr 1965 stieg die Zahl der Wohnhäuser in Reuschberge schließlich auf 344.
Wenn Lingen nach einem halben Jahr Jahrhundert Bundeswehr in Reuschberge durch den Abzug der letzten Truppeneinheiten den Status als Garnisonsstadt verliert, so bringt dies sicher viele Probleme mit sich. Aber vor einer solchen Situation stand die Stadt auch schon in früheren Zeiten.
Als Lingen während des Spanisch-niederländischen Krieges zur Festungsstadt ausgebaut wurde, entstanden für die in der Festung stationierten Truppen im Bereich der heutigen Marienstraße und an der Baccumer Straße in größerem Umfang Barackenunterkünfte und sogar eine eigene Garnisonskirche. Nach dem Abbau der Wallanlagen 1632 und der anschließenden Neutralisierung Lingens verfielen die Baracken und die Kirche. Im Bereich der Marienstraße baute der landesherrliche Droste 1646 sich ein repräsentatives Wohnhaus. Der größte Teil des Burggeländes wurde in Gärten umgewandelt. Das Gelände an der Baccumer Straße blieb mehrere Jahrzehnte ungenutzt. 1678-80 entstand dort der Neubau für die Lateinschule und 1684/85 das Seminarium oder Professorenhaus. Erst im 19. Jahrhundert wurde Lingen wieder Garnisonsstadt. Die Stadt Lingen kaufte 1834 ein größeres Gelände östlich der Stadt an der Straße nach Freren, errichtete Unterkünfte und Stallungen und machte sie dem hannoverschen Kriegsministerium zum Geschenk, damit dauerhaft Truppenteile in Lingen stationiert würden. Doch die Freude der Lingener über den Einzug der Soldaten währte nur kurz. Bereits 1837 wurden die beiden Bataillone abgezogen und nach Osnabrück verlegt. Die neuerbaute Kaserne stand längere Zeit leer und zum Schaden kam der Spott. Es kursierte das Sprichwort: „Die Lingener haben einen Hafen ohne Schiffe und eine Kaserne ohne Soldaten.“ Im Jahre 1854 verkaufte das hannoversche Kriegsministerium die Kaserne schließlich an das Justizministerium, das dort eine Frauenstrafanstalt einrichtete, was von den Lingener Bürgern als Prestigeverlust, ja als „ehrenrührig“ empfunden wurde. Wie jeder weiß, dienen die ehemaligen Kasernengebäude an der Georgstraße/Kaiserstraße noch heute dem Justizvollzug.
In beiden Fällen hatte es also relativ lange gedauert, bis eine Anschlussnutzung des Kasernengeländes bzw. der Bauten gefunden worden war. Man muss allerdings berücksichtigen, dass die Möglichkeiten und auch der Spielraum der Stadt Lingen zu einer sinnvollen Konversion in früheren Zeiten wesentlich geringer waren als heute. Insofern darf man guten Mutes sein, dass dieses Mal schneller als in früheren Zeiten eine gute Lösung gefunden wird.




















